Im Husch da, im Husch vorüber
Ein «Welttheater der Liebe» hat Walter Felsenstein «Le nozze di Figaro» einmal genannt. Nur vergaß der renommierte Regisseur, einer der Pioniere des Regietheaters im deutschsprachigen Raum, zu erläutern, wie genau diese «Liebe» konfiguriert sein könnte – ob es sich dabei um eine solche handle, die in jeder Minute eine (erotische) Entscheidung sei, ob sie das allumfassend Spirituelle meine – oder ob sie sich, als Agape oder Philia, dem Empathischen verschrieben habe. In der Münchner Inszenierung von Evgeny Titov ist die Liebe erst einmal in den Keller gekommen.
Die Bühne von Ausstatterin Annemarie Woods zeigt einen rostigen, von einer hochaufragenden Rückwand und schwergängigen Eisentüren (die verschlossen zu sein scheinen, sich aber dann doch wie von Wunderhand ganz leicht öffnen lassen) begrenzten Raum. Das Interieur spärlich: ein schmutziges Waschbecken, das man lieber nicht benutzen möchte, und ein riesiger (elektrischer) Zauberstuhl; man ahnt schon, wer am Ende darauf Platz nehmen wird. Doch ist dies kein gewöhnliches Sitzmöbel, sondern ein wahres Folterinstrument, mit roten Schalthebeln an den Seiten und allerlei seltsamen Vorrichtungen, deren Wirkkraft wohl nur S&M-Experten ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Dezember 2023
Rubrik: Panorama, Seite 35
von Jürgen Otten
1990 war Alfredo Kraus 63 Jahre alt und klang noch immer frisch wie ein Jüngling. Doch für einen der «Drei von Caracalla» wäre er niemals eingewechselt worden – das Anbiedernd-Auftrumpfende war nie das Seine, Farben, Stimmung, Ausdruck kamen allein aus der souveränen Beherrschung der Gesangstechnik im Sinne des Belcanto. Dabei suggerierten beispielsweise die...
Der Siegeszug der Eisenbahn hat im Musiktheater bemerkenswert schmale Spuren hinterlassen – anders als in der absoluten Musik, man denke nur an Arthur Honeggers «Pacific 231«, ganz zu schweigen von Film und Literatur, wo Bahnhöfe als Orte der Sehnsucht und dramatischer Wendungen spätestens seit Tolstoi gesetzt sind, und von der Pop-Musik, in der (Sonder-)Züge nach...
Verdis «La traviata» ist der Triumph einer Figur. Violetta Valéry ist die emotional schillerndste, vokal komplexeste Sopranpartie des Komponisten. Wie in keiner zweiten seiner Opern konzentriert sich das Interesse ausschließlich auf die Edelkurtisane. Wer sie erfolgreich verkörpern will, muss drei Stimmen in einer besitzen – nämlich gleichermaßen über stupende...
