Im Diesseits
Nicht immer sagt das Äußere so viel über das Innere aus wie an diesem faszinierenden Opernabend. Um sich mit Immo Karamans Deutung von Bizets «Carmen» am Badischen Staatstheater auseinanderzusetzen, tut man gut daran, bei den Kostümen von Fabian Posca zu beginnen – bei Carmen und Micaëla. Sind es wirklich zwei Frauen? Oder ist die eine nur eine Projektion der anderen? Zum Vorspiel sieht man auf der Bühne eine winzige, billige Wohnung mit Schlafzimmer und Diele. Auf dem Bett liegt ein schlafender Mensch.
Ein Mann überschüttet alles mit Benzin und entfacht zu den Klängen des Schicksalsmotivs das Feuer. Don José tötet Carmen. Oder Micaëla?
Beide haben die gleiche Figur, nahezu identische Kleider. Ein Muster, das wiederum dem der Tapete gleicht. Wie Vexierbilder werden Carmen und Micaëla im Verlauf des Abends ineinander übergehen. Mit winzigen Unterschieden. Oft ist Carmens Kleid mit Pailletten besetzt; manchmal trägt sie auch schwarz. Zu ihrer Habanera zieht ihr jemand das Kleid aus, die Corsage darunter ist wie ein champagnerfarbener Panzer, ihre Haltung auf dem Bett lasziv, aggressiv, ordinär. Carmen ist jene Femme fatale, nach der Don José sich bei Micaëla sehnt. Zu dieser ...
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Opernwelt März 2023
Rubrik: Panorama, Seite 47
von Alexander Dick
Der 5. März 1953 ist in die Geschichtsbücher als jener Tag eingegangen, an dem zwei Menschen das Zeitliche segneten, deren Wirken zwar eng miteinander verknüpft war, von denen aber der eine so prominent war, dass man das Dahinscheiden das anderen darüber beinahe vergaß. Mit Josef Wissarionowitsch Stalin starb einer der übelsten Diktatoren des 20. Jahrhunderts, mit...
Wann haben Sie zuletzt in der Oper geweint?
Im Zug höre ich oft Musik, die bisher an mir vorübergezogen ist. Neulich: Rameaus «Castor und Pollux». Als Télaïres Lamento «Tristes apprêts» begann – da war es aus mit mir. Außerdem liege ich immer (sic!) wimmernd auf dem Boden (egal wo), sobald es im «Figaro» «Contessa, perdono …» heißt.
Wo würden Sie ein Opernhaus...
Diese Oper war sein Schmerzenskind. Düster war dieses Kind, «weil es düster sein muss» (so der Schöpfer am 2. Februar 1881 an den Lebensfreund Opprandino Arrivabene), durchtränkt von einer zutiefst pessimistischen Menschensicht und versehen mit einem aus drei Tintenfässern stammenden Libretto, das Eduard Hanslick anlässlich der Wiener Erstaufführung ein Jahr nach...
