Nur wer die Sehnsucht kennt

Mitreißend: Riccardo Muti dirigiert das Chicago Symphony Orchestra mit Mascagnis «Cavalleria rusticana»

Opernwelt - Logo

Das ganze Drama ist im Grunde erzählt, noch bevor viele Worte gefallen sind. Der Schmerz, die Sehnsucht (welche nur diejenigen Menschenkinder wirklich kennen, die wissen, welches Leiden mit ihr einherzugehen vermag), der Dualismus aus Liebestäuschung und -ent täuschung, die tiefsitzende Verzweiflung, das einsickernde Gift der Rache – alles ist bereits im «Prelude» von Pietro Mascagnis «Cavalleria rusticana» ausformuliert.

Sogar das tödliche Ende dieses sizilianischen Verismo-Thrillers wird musikalisch vorweggenommen; es genügt dazu, das Tonartenfeld zu durchstreifen, das Mascagni bereits in diesen ersten Minuten seines berühmten Einakters etabliert. Mag das F-Dur, mit dem das Vorspiel schließt (und mit dem zuvor schon das triolisch bewegte Harfen-Idyll unterlegt war), in seiner Frühlingshaftigkeit für Momente von heiliger Unschuld künden, so dominiert letztlich doch das Dunkel-Dämonische: Von d-Moll führt der Weg über g-Moll und a-Moll schließlich in jenen f-Moll-Abgrund, der schon in Turiddus (von draußen hereinklingender) Miniatur-Cavatine gähnt – als Vorschein des unabwendbaren Grauens.

Es ist ein Grauen, das die Schönheit immer miteinschließt – jedenfalls in diesem fulminanten ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt März 2023
Rubrik: CDs, DVDs und Bücher, Seite 29
von Olga Myschkina

Weitere Beiträge
Müder Monteverdi

Claudio Monteverdis «L’incoronazione di Poppea» ist inzwischen die wohl populärste, meistgespielte Barockoper. Das freche, respektlose Libretto verabschiedet die Sphäre des gestelzten Mythos und landet mit der Sex-and-Crime-Handlung aus dem alten Rom im menschlichen Alltag. Wie das «Dschungelcamp» heute zeigen uns schon Monteverdi und sein Librettist Giovanni...

Im Schatten blut’ger Mädchenblüte

Manchmal ist die Liebe wie Fallobst. Plumpst unerwartet (und doch seit langem ersehnt) direkt vor unsere Füße, und eine bange Sekunde lang fragt man sich, ob man dieses Obst überhaupt aufheben sollte, oder ob dieses nicht vielleicht sich selbst, gleichsam hegelianisch, «aufhebt» und in die Lüfte entschwebt. Zu groß ist das Erstaunen über seine Existenz (und...

Im Wald

Wenn es um weibliche Ausnahmezustände geht, ist Ausrine Stundyte derzeit erste Wahl: als Elektra, als halluzinierende Renata in Prokofjews «Feurigem Engel», neurotische Judith (in Romeo Castelluccis Deutung von «Herzog Blaubarts Burg« im vergangenen Salzburger Sommer) oder – zuletzt in Münchens erstem Opernhaus – als besessene Nonne in Pendereckis «Teufel von...