Im Bann der Affekte

Paul O’Dette und Stephen Stubbs setzen sich mit Verve für Händels erste Oper «Almira» ein, Maxim Emelyanychev entlarvt «Agrippina» als bitterschwarze Komödie

Die 1705 in Hamburg uraufgeführte «Almira» ist Händels einzige überlieferte deutschsprachige Oper, drei weitere sind verloren. Das stark dem Vorbild des vernachlässigten Reinhard Keiser verpflichtete Erstlingswerk des 19-Jährigen folgt ganz dem kosmopolitischen Stil der norddeutschen Barockoper. In bunter Folge reihen sich gereimte deutsche Rezitative und liedhaft kurze Solonummern, virtuose italienische Da-Capo-Arien und von der französischen Oper inspirierte Tableaus oder Tanzszenen aneinander.

Selbst für derbe Komik ist, ganz im Sinne der älteren venezianischen Barockoper, mit der Figur des Dieners Tabarco gesorgt. Musikalischer Höhepunkt des sich über vier Stunden entfaltenden Intrigenspiels, in dem die höfische Heiratspolitik ständig mit Liebeswirren kollidiert, ist die Kerkerszene, in der Almiras treuer Liebhaber Fernando auf seine Hinrichtung wartet. Hier kündigt sich der Musikdramatiker, der Psychologe Händel an, der das Wechselbad der Gefühle in seinen weiteren Bühnenwerken mit immer neuen melodischen Einfällen und in immer neuer instrumentaler Einkleidung ausloten wird.

Paul O’Dette und Stephen Stubbs haben die selten gespielte «Almira» 2013 beim Boston Early Music ...

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Opernwelt März 2020
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 26
von Uwe Schweikert

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