«Ich messe mich an mir selbst»

Das musikalischste Wesen, das ihm je begegnet sei, schwärmte Franz Welser-Möst einmal über Barbara Hannigan. Ob sie als Sopranistin oder Dirigentin auftritt oder beides zugleich ist – auf der Bühne wird der Körper der Kanadierin Klang. Schwerpunkt ihrer Arbeit sind Werke des 20. und 21. Jahrhunderts, an mehr als 80 Uraufführungen hat die 45-Jährige mitgewirkt. Ein Gespräch über Bühnenangst, künstlerische Partnerschaften und den Hunger nach Neuem

Opernwelt - Logo

Frau Hannigan, wie ist das, wenn Komponisten zu einem sagen: «Ich habe diese Partie für dich geschrieben»?
Meistens heißt es eher: «Darf ich etwas für dich schreiben?» Oft frage ich auch selbst, oder Ideen entstehen im Gespräch. Ich bin sehr vorsichtig, was ich zusage und wann. Denn ich fühle mich verantwortlich, das Werk auch wirklich in die Welt zu bringen; es sollten keine Eintagsfliegen sein. Nehmen wir Hans Abrahamsens «Let Me Tell You»: Ich hatte sieben Orchester in die Spur gesetzt, ehe er auch nur eine Note geschrieben hatte.

Seitdem sind weitere aufgesprungen. Doch dafür muss ich mich mit einem Werk identifizieren können. George Benjamins «Written on Skin» zum Beispiel empfinde ich als echtes Geschenk, weil die Rolle der Agnès mit einer geradezu zärtlichen Aufmerksamkeit für meine Stimme komponiert ist. Das gilt auch für Abrahamsens Lieder-Zyklus. In beiden Partien verschmelzen in der Musik Stärke und Zerbrechlichkeit auf eine Weise, die mich sehr berührt.

Wie entwickelt sich diese zärtliche Aufmerksamkeit für die Stimme?
Das variiert von Fall zu Fall. Idealerweise stehe ich in ständigem Austausch mit dem Komponisten. Mit manchen gibt es anfangs viel ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Januar 2017
Rubrik: Interview, Seite 32
von Wiebke Roloff

Weitere Beiträge
Preziosen

Obwohl ihre sängerische Laufbahn über vier Jahrzehnte währte und sie eine Vielzahl von Aufnahmen hinterlassen hat, ist der Name der großen kanadischen Altistin Maureen Forrester (1930-2010) wohl nur noch Kennern ein Begriff. Auf der Opernbühne hat sie nur wenige (allerdings markante) Spuren hinterlassen; ihre Welt war das Konzertpodium. Seit der Begegnung mit...

Echtes Theatertier

Vom neugierigen Holzwurm, der im Parkettgestühl heimlich Violetta, die Königin der Nacht, Wotan und all die anderen Opernwesen belauscht, haben wir natürlich viel gehört. Auch die wieselflinken Ballettratten, ohne die das Bühnenleben nur halb so schön wäre, sind uns vertraut. Und Janáčeks Parabel vom kleinen Füchslein sowieso. Aber eine Katze, die im Theater...

Alles halb so wild

Liebe, so befand Stendhal, beginne mit Verwunderung. Welche der vier antiken Grundarten dieser schönsten aller Lebensformen der französische Romancier und Essayist damit im Sinn hatte – ob Philia oder Agape, Storge oder Eros –, das präzisierte er nicht; wir dürfen allerdings davon ausgehen, dass er platonisches und erotisches Ideal in eins setzte, darin Mozart...