Hinreißend
Hier stimmt einfach jedes Detail. Erstaunlich ist eigentlich nur, dass dieses Libretto vor mehr als 300 Jahren entstand und nicht erst vor ein paar Monaten. Vincenzo Grimani schrieb es, überaus frei im Umgang mit der römischen Geschichtsschreibung. «Agrippina», Händels erster großer Bühnenerfolg, wird in Zürich zu einem aufregenden, absolut heutigen Abend, bei dem all das aufgeht, was bei vielen Opernübertragungen in einem anderen Erzählkontext oft ein bisschen knirscht.
Und das gelingt auch noch mit einer unaufgeregten Selbstverständlichkeit: mit ungeheurer Präzision und großartigen Sängerdarstellerinnen und -darstellern.
Aus der Geschichte um Agrippina, die ihren Sohn aus erster Ehe auf den Thron Roms wuchten will, als sie erfährt, der Kaiser, ihr Mann Claudio, habe auf See den Tod gefunden, macht Jetske Mijnssen einen Krimi um Liebe, Gier und Macht, der an so großartige Serien wie «Succession» oder «House of Cards» erinnert, ohne diese je zu kopieren. Zur Ouvertüre sieht man einen Film: Abendessen in der familiären Firmenzentrale. Am Tisch Agrippina, Claudio, Nerone sowie Ottone, Claudios bester Freund und späterer Lebensretter. Claudio wird übel, er bricht zusammen, vermutlich ...
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Opernwelt April 2025
Rubrik: Panorama, Seite 55
von Egbert Tholl
Seit einer Produktion in Freiburg 1971 brauchte Maurice Yvains Erstlingsoperette «Ta Bouche» trotz Volker Klotz’ Lobeshymne im Standardwerk «Bürgerliches Lachtheater» mehr als ein halbes Jahrhundert, um erneut in einem deutschen Theater gespielt zu werden. Dabei hatte schon die Uraufführung am Pariser Théâtre Dannou 1921 eine ganze Reihe von Erfolgen nach sich...
Seit geraumer Zeit wird in ambitionierten Opernaufführungen die Ouvertüre zum Anlass für stumme Kommentare, Hintergründe oder Rückblenden genommen. Die als Einstimmung und Vorstellung der wichtigsten musikalischen Themen gedachte Musikstrecke sieht sich umfunktioniert zur Tonspur eines Stummfilms. Man ist schon fast irritiert, wenn, wie jetzt in Wuppertal, der...
Ist «Salome» ein aktuelles Stück? Hat uns Judäas lustmordende Prinzessin mehr zu sagen als ihre dekadenten Schwestern, die den Betrachter – eher als die Betrachterin – auf den Bildern von Klimt, Stuck und Moreau so sphinxhaft todbringend in ihren Bann schlagen? Zwickau scheint sich in eine feministische Umdeutung der antiken Legende flüchten zu wollen: Salome...
