Heimspiel
Ekstatisch bricht das Trommelgewitter los. Es kündet von der Geburt des Johannes. Bald schon breitet sich – von den tiefen Streichern ausgehend, durch die Instrumentengruppen wandernd, Töne und Akkorde je nach Lage in verschiedenen Farben und Intensitäten beleuchtend – ein samtener Klangteppich aus: Paradoxon statischer Bewegung. Eine gute halbe Stunde spricht Olai, der Fischer, seine widersprüchlichen Gefühle aus, während man die Geburtswehen seiner Frau (und die Vokalisen eines unsichtbaren Chores) aus dem Off hört.
Es ist der Morgen des Lebens, der bruchlos hinübergleitet in den Abend des Daseins. Olai verschwindet, Johannes, sein Sohn, hat im Augenblick sein Leben schon gelebt, steht jetzt selbst an der Schwelle jenes Todesreichs, wohin seine Frau Erna und sein Freund Peter bereits entschwunden sind. Und um all das kreist die Frage: Was ist noch wirklich und was schon «jenseitig»?
«Morgen und Abend» heißt der Roman von Jon Fosse, der nach «Melancholia» das zweite Libretto für Georg Friedrich Haas destilliert hat: einen im Grunde handlungslosen, existentialistischen Wortstrom, der einen weit aufgefächerten Klangstrom von schwebender Energie, irisierender Schönheit und starker ...
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Opernwelt April 2022
Rubrik: Panorama, Seite 53
von Karl Harb
Das erste Mal erregte der Regisseur Miloš Lolić in der deutschsprachigen Theaterlandschaft Aufsehen, als er beim Festival «Radikal jung» am Münchner Volkstheater seine in Belgrad entstandene Inszenierung von Falk Richters «Gott ist ein DJ» präsentierte. Das war 2011. Es folgten Arbeiten in Basel, Berlin, Düsseldorf, München und Wien – oft bildmächtige,...
Herr Samoilov, wie geht es Ihnen?
Ich bin sehr, sehr traurig. Ich bin nervös, verzweifelt. Und manchmal alles zusammen. Was ich nicht spüre, ist Aggressivität oder Wut. Ich habe vor allem Angst um meine Familie, die in der Nähe von Odessa lebt, Angst um meine Freunde und Bekannten, Angst aber auch um Menschen, die ich nicht persönlich kenne, die aber diesem Krieg...
Es gibt viele Lieder, «die heute vergessen und abgetan sind», schreibt Thomas Mann 1930 in den Erinnerungen an seine Mutter und bricht eine Lanze für Eduard Lassen, «einen Musiker etwas süßlichen Geschmacks …, der es aber ein paarmal in Verbindung mit Heinrich Heine zu einer sensitiven Ironie des Ausdrucks bringt, die mir unvergesslich ist». Am Ende des 19....
