Heimspiel
Ekstatisch bricht das Trommelgewitter los. Es kündet von der Geburt des Johannes. Bald schon breitet sich – von den tiefen Streichern ausgehend, durch die Instrumentengruppen wandernd, Töne und Akkorde je nach Lage in verschiedenen Farben und Intensitäten beleuchtend – ein samtener Klangteppich aus: Paradoxon statischer Bewegung. Eine gute halbe Stunde spricht Olai, der Fischer, seine widersprüchlichen Gefühle aus, während man die Geburtswehen seiner Frau (und die Vokalisen eines unsichtbaren Chores) aus dem Off hört.
Es ist der Morgen des Lebens, der bruchlos hinübergleitet in den Abend des Daseins. Olai verschwindet, Johannes, sein Sohn, hat im Augenblick sein Leben schon gelebt, steht jetzt selbst an der Schwelle jenes Todesreichs, wohin seine Frau Erna und sein Freund Peter bereits entschwunden sind. Und um all das kreist die Frage: Was ist noch wirklich und was schon «jenseitig»?
«Morgen und Abend» heißt der Roman von Jon Fosse, der nach «Melancholia» das zweite Libretto für Georg Friedrich Haas destilliert hat: einen im Grunde handlungslosen, existentialistischen Wortstrom, der einen weit aufgefächerten Klangstrom von schwebender Energie, irisierender Schönheit und starker ...
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Opernwelt April 2022
Rubrik: Panorama, Seite 53
von Karl Harb
Die Hörner besingen die Magie des Waldes. Langsam fährt die Kamera im Video von Philipp Contag-Lada während des Vorspiels den Bergwald hinunter, und schon stehen die Bäume in Flammen. Der Wald brennt. Weiter unten sieht man verkohlte Stämme, unter denen Hänsel und Gretel in einer notdürftigen Unterkunft mit den Eltern hausen. Regisseur Axel Ranisch macht von Anfang...
In der Querelle des Bouffons Anfang der 1750er-Jahre, so erzählt es jedes Musikgeschichtsbuch, standen die Vertreter der höfischen Tragédie lyrique hinter ihrer Führungsfigur Jean-Philippe Rameau unversöhnlich den Verfechtern einer progressiven, von italienischen Intermezzi inspirierten komischen Oper entgegen. Doch Geschichte zwingt besonders kluge Menschen...
Weise Worte: «Personen in unserer gesellschaftlichen Stellung können niemals ausgezeichnete Künstler sein», schrieb Albert, Gemahl der englischen Königin Victoria, an seinen Bruder, den Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha. «Es braucht das Bemühen eines ganzen Lebens, es zu werden.» Ernst II. sah das freilich etwas anders: Nicht weniger als fünf Opern und zwei...
