Ein Hexlein steht im Walde

Humperdinck: Hänsel und Gretel STUTTGART | STAATSOPER

Opernwelt - Logo

Die Hörner besingen die Magie des Waldes. Langsam fährt die Kamera im Video von Philipp Contag-Lada während des Vorspiels den Bergwald hinunter, und schon stehen die Bäume in Flammen. Der Wald brennt. Weiter unten sieht man verkohlte Stämme, unter denen Hänsel und Gretel in einer notdürftigen Unterkunft mit den Eltern hausen. Regisseur Axel Ranisch macht von Anfang an klar, warum in Humperdincks Märchenoper die pure Not herrscht. Gelindert wird der Hunger durch riesige bunte Drops, verteilt von einer in roten Pelz gekleideten Charity-Lady.

Die Hexe taucht schon im zweiten Bild auf, von Gretel als das «Männlein im Walde» besungen. Es hat eben vor lauter Purpur das Mäntlein um. Lemurenhafte Kapuzengestalten ohne Gesichter betäuben Kinder mit Elektroschockern und verfrachten sie in Schächte. Überhaupt ist der ganze Bergwald mit einem Röhrensystem unterminiert. So wird noch vor der Hexenfabrik (nach der Pause) deutlich, woraus die leckeren Bonbons hergestellt werden. Und auch der Vater von Hänsel und Gretel hat für die Ernährung der Familie seine Unschuld verloren: Der Besenbinder arbeitet für die Hexe. Denn worauf reitet die Lady durch die Lüfte? Genau!

Im verkohlten Wald enthüllt ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2022
Rubrik: Panorama, Seite 48
von Bernd Künzig

Weitere Beiträge
Clarté, Eleganz, Innerlichkeit

Es gibt viele Lieder, «die heute vergessen und abgetan sind», schreibt Thomas Mann 1930 in den Erinnerungen an seine Mutter und bricht eine Lanze für Eduard Lassen, «einen Musiker etwas süßlichen Geschmacks …, der es aber ein paarmal in Verbindung mit Heinrich Heine zu einer sensitiven Ironie des Ausdrucks bringt, die mir unvergesslich ist». Am Ende des 19....

Erfrischend natürlich

Wir wissen natürlich nicht, was genau sich da in der Einkaufstüte befand, als Papst Franziskus Anfang des Jahres einen römischen Schallplattenladen verließ. Dessen Besitzer gab lediglich bekannt, er habe seinem prominenten Kunden eine Schallplatte mit Musik von Mozart geschenkt. Wir hätten freilich für den klassische Musik liebenden Heiligen Vater schon das...

Herr, du bist mein Hirte

Anzukündigen ist die verspätete Weltpremiere einer Oper, die vermutlich kein Musikfreund bisher auch nur dem Titel nach kannte: «Der Künder» von Antal Doráti. Er zählte zu den großen Dirigenten des vergangenen Jahrhunderts (und mit über 600 Einzel-Titeln auch zu den auf Schallplatten bestdokumentierten), aber er hat auch als Komponist ein stattliches Œuvre...