Harte Bandagen
Gioachino Rossinis schnelle Koloraturen und jähe Sprünge verlangen agile, bewegliche Stimmen. Man könnte auch sagen: sportliche.
Hat deshalb die Regisseurin Mariame Clément an der Opera Vlaanderen in Gent das «Armida»-Geschehen von den Toren Jerusalems zur Zeit der Kreuzritter in ein Sportstadion der Jetztzeit verlegt? Oder legte die Übermacht des männlichen Personals die Idee nahe, die mittelalterliche Kriegerwelt in Profi-Sport zu übersetzen? Neben sechs (!) Tenören und dem Männerchor sieht die Partitur nur kurze Auftritte eines Frauenchors und eine einzige weibliche Solopartie vor.
Bühnenbildnerin Julia Hansen hat einen neutralen grauen Kasten auf die Bühne gebaut, auf dem Boden hat man Laufbahnen markiert, auf das Rückprospekt ein gigantisches Stadion gemalt. Goffredo, der Anführer der Kreuzritter, tritt als moderner Sportfunktionär auf und motiviert vom Rednerpult aus seine Mannen. Die aber stolpern verletzt und in mittelalterlicher Kreuzritterkluft herein, während Rinaldo wenigstens das Theaterblut erspart bleibt. Armida erscheint zunächst in orientalischem Gewand, darunter pellt sich ein mondänes pinkfarbenes Satinkleid hervor, die weiteren, häufigen Kostümwechsel sind dann ...
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Opernwelt Januar 2016
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Regine Müller
Was eine Hypothese ist, hat wohl selten einer so schlüssig definiert wie Heinz Meier als Hoppenstedt in einem Sketch Loriots. «Hier wäre die Mitte gewesen ... wäre!», giftet er, nachdem ihm sein Duz-Feind Pröhl zwei Drittel des Kosakenzipfels weggegessen hat. Das hypothetische «Was wäre, wenn» ist ja auch das Um und Auf der Kunst – ja, es scheint, pauschal...
Im Vorwort zum Libretto von «Le nozze di Figaro» bemerkt Lorenzo da Ponte, sein und Mozarts Ziel sei, «eine fast neue Art des Schauspiels» zu schaffen. Aus diesem Vorsatz scheint auch Stefan Herheim seine Inszenierung für die Hamburger Staatsoper entwickelt zu haben. Bühnenbildner Christoph Hetzer staffiert dafür Decke und Wände mit 1500 Faksimile-Seiten der Oper...
Kapitän ist auch nicht einfach. Hoch auf der Brücke stehen, das große Rad drehen und den Blick über die Weiten des Meeres schweifen lassen? Das war gestern. Olaf Hartmann hat viel mehr zu tun als die «Europa» auf Kurs zu halten; meist läuft das 1999 in Helsinki vom Stapel gelaufene Fünf-Sterne-Plus-Kreuzfahrtschiff ohnehin auf Autopilot. Der Kapitän ist überall zu...
