Halb lebendig
Das Stück wird geliebt, seine kompositorische Finesse oft gerühmt. Aber es könnte noch viel besser sein, hätte Erich Wolfgang Korngold die Oper nicht mit Anfang 20, sondern mit 30 geschrieben und den «Genius loci» nicht vollständig aus der Musik verbannt. Das von ihm und seinem Vater verfasste Libretto weist Brügge durchaus eine zentrale Rolle zu; musikalisch jedoch reduziert sich die Handlung auf Paul, der nicht aufhören kann, seine verstorbene Frau Marie zu beweinen, bis ihn die Tänzerin Marietta, äußerlich Maries Doppelgängerin, um den Verstand bringt.
Im Roman – die Personen tragen dort andere Namen – erdrosselt der Witwer schließlich die lästige Verführerin. Korngolds Libretto entwertet den Plot, indem es den Mord als Traum darstellt.
Georges Rodenbachs «Bruges-la-Morte», ein Meisterwerk des Symbolismus, erzählt eine der sonderbarsten Liebesgeschichten der Weltliteratur. Ohne die graue Schwermut dieses Ortes, ohne seinen Nebel, Regen und unaufhörlichen Glockenklang, die zusammengenommen wie die «kalte Asche der Zeit» über allem liegen, würde die morbide Amour fou des Romans keinen Menschen mehr interessieren. Von den wesentlichen Ingredienzen sind, und das auch nur als ...
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Opernwelt November 2018
Rubrik: Panorama, Seite 40
von Volker Tarnow
Sie sind zwar bloß aus Papier oder Plastik, doch sie bergen tiefe Gefühle: Alljährlich im November stecken Briten sich im Gedenken an die Verheerungen der großen Kriege des 20. Jahrhunderts Mohnblüten ans Revers. Der 11. November (an dem im Jahr 1918 der Erste Weltkrieg endete) ist «Remembrance Day», informell auch «Poppy-Day» genannt, in Anlehnung an das Gedicht...
Es ist kaum zu glauben, aber unverrückbare Tatsache: Vor 82 Jahren stand Meyerbeers Meisterwerk «Les Huguenots» zum letzten Mal auf dem Spielplan der Pariser Oper. Dabei zählte das Werk, Inbegriff der Grand opéra, mit 1118 Vorstellungen seit der Uraufführung (1836) zu den meistgespielten Opern nach Gounods «Faust». Nach 1936 gab es nur sehr spärliche Versuche, den...
Coraggio! So würde man wohl südlich der Alpen konzis ausrufen angesichts eines radikalen Saisonstarts, wie ihn die Oper Frankfurt, frisch akklamiertes «Opernhaus des Jahres», hingelegt hat. Zwei Premieren binnen Wochenfrist, mit zwei zeitgenössischen Stücken, die meilenweit abseits der kanonischen Sicherheitszone liegen, in zwei eigenwillig-entschiedenen...
