Hänsel und Gräte
Eine Frau ist schwanger. Sie und ihr Lebensgefährte finden keine Bleibe. Dafür sterben aus Rache und/oder Verzweiflung ein paar der Leute, die nicht geholfen haben. Der Lebensgefährte ist offenbar der Täter und wird gehängt. Klingt banal, gibt es aber jetzt als Oper.
Die «Idee» zur «Handlung» der zweieinhalbstündigen Oper «Sleepless» von Péter Eötvös geht auf die Lektüre des ersten Bandes der «Trilogie» des norwegischen Autors Jon Fosse aus dem Jahr 2008 zurück.
Das Drama um das junge, arme, kindserwartende Paar Alida und Asle ist im Original möglicherweise voller Traurigkeit – und vor allem voller eindrücklicher Schilderungen von entweder unfreundlichen, sexuell aufdringlichen oder ständig besoffenen Norwegerinnen und Norwegern. Von dieser – Jon Fosse vorsichtshalber unterstellten – literarischen Subtilität ist in der Umsetzung bei Eötvös so gut wie nichts übriggeblieben. Wieder einmal geht die Bühnenadaption eines beliebten Romans aus jüngster Zeit in die – fischige – Hose. Menschliche Regungen, Charakterzüge, feine Zwischentöne der Kommunikation und Empathie ermöglichende Gefühlsbeschreibungen fallen komplett weg. Alles wird aalglattes Abziehbild und barsche Banalität. Franz ...
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Opernwelt Januar 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Arno Lücker
Wie sich die Zeiten doch ändern: Als 1835 Karl von Gutzkows Roman «Wally, die Zweiflerin» erschien, ging nicht nur ein weithin hörbares Raunen durch den deutschen Blätterwald, der Autor landete für seine angeblich blasphemische und (aufgrund einer Nacktszene in der Hochzeitsnacht) als pornografisch inkriminierte Fiktion sogar im Gefängnis und wurde mit einem...
Der Satz ist, wiewohl etwas altfränkisch in seiner Semantik, Legende und als «kategorischer Imperativ» in die Philosophie- und Kulturgeschichte eingegangen als ein zeitlos gültiges Postulat, das gewiss auch die Zustimmung des Ethik-Experten Freiherr von Knigge gefunden hat: «Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein...
Mrs. Lovett liebt Fleischpasteten. Aber nicht irgendwelche. Sie bevorzugt die mythische Variante. Wie Tantalos, der die Götter prüfen wollte, als er ihnen seinen Sohn Pelops zum Mittagsmahl servierte, wie Atreus, der die Söhne des Thyestes schlachtete, damit er sie seinem Bruder kredenzen konnte, so verfrachtet auch die Londoner Geschäftsfrau all jene Leichen, die...
