Händel in Pastell
Ist das der gleiche Ian Bostridge, der uns mit einer nervösen, gelegentlich fast hysterischen, gellend an den Rand der Verzweiflung getriebenen Interpretation der Schubert’schen «Winterreise» aufgerüttelt hat? Der singende Schmerzensmann, der in Schuberts Müller- und Wanderburschen den existenzialistischen Menschen unserer Zeit meint, krank an Herz, Seele und Umwelt?
Sicher, die Romantik nach Beethoven, von dem man sagt, er habe die Erkenntnis von Gut und Böse in die Musik eingeführt, hat die menschliche Psyche anders gezeichnet als Händels barocke Klassik.
Doch längst vorbei die Zeit, da man – wie der Wiener Kritiker und Schriftsteller Hans Weigel – von jener Epoche als einer «der gleich schwebenden Harmonie in der Musik» sprach, dem «verlorenen Paradies vor dem Ausbruch der Pubertät» im «unschuldsvollen Stand wahrer Absolutheit», deren «Wesen Wohlklang und Schönheit» gewesen sei. Längst suchte man etwa Händels vielschichtigen, ja gebrochenen Figuren durchaus mit moderner Psychoanalyse beizukommen, ein gefundenes Fressen für Bostridge, möchte man glauben.
Im Booklet äußert sich der Künstler auf seine gewohnt kluge Art über die Dramaturgie seines Recitals (ein punktuelles ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Eingekerkert, im Dunkeln weggeschlossen, verwahrlost und seelisch ausgehungert: Derart misshandelte Frauen müssten ihrer Befreierin um den Hals fallen und dem Ort des Grauens schnellstmöglich entfliehen. Dass genau dies in der Oper «Ariane et Barbe-Bleue» des französischen Komponisten Paul Dukas (1865-1935) nicht passiert, stellt eines der großen Hindernisse...
Chefsache: Intendant Matthias Fontheim stellte sich in Mainz als Opernregisseur vor. Generalmusikdirektorin Catherine Rückwardt erfüllte sich, dem Orchester und dem Publikum mit Strauss' «Rosenkavalier» einen Wunsch. Ihre Mutter, die Sopranistin Judith Beckmann, zählte in den achtziger Jahren zu den gesuchten Interpretinnen der Marschallin. Es gibt also, wenn man...
Zwar ist die elektromagnetische Aufzeichnung der schärfste Feind nostalgischer Verklärung. Doch gelegentlich vermag sie die Erinnerung auch zu bestätigen. Etwa im Fall der Live-Aufnahme von Webers «Freischütz» vor 35 Jahren an der Wiener Staatsoper. Der 28. Mai 1972 war einer jener Abende, von denen man seinen Enkelkindern berichten möchte. Erstmals stand Webers...
