Gülden, grau und silberblau
Was heut gehet müde unter,
Hebt sich morgen neu geboren.
Manches geht in Nacht verloren –
Hüte dich, sei wach und munter.
Diese Verse aus Eichendorffs «Zwielicht», von Robert Schumann im «Liederkreis» op. 39 vertont, könnten auch die Problematik der alternden Sängerstimme beschreiben. Dietrich Fischer-Dieskau hat den Zyklus nach Gedichten von Eichendorff 1985 aufgenommen, also im Jahr seines 60. Geburtstags, mit Alfred Brendel als Partner. Sein Schwanengesang? Ein Schwan stimmt vor seinem Tod mit trauerschöner Stimme ein letztes Lied an, so die Legende.
Sie geht zurück auf einen griechischen Mythos: Kyknos, Sohn des Poseidon (oder Ares oder Apoll), betrauerte in einem Hain am Flusse Eridanos den Tod seines Freundes Phaëton. Mitleidige Götter verwandelten ihn in einen Schwan. Mit einem Trauergesang von berückender Schönheit geht er aus der Welt und wird zum Sternenbild. Cicero verwendete in «De oratore» den Begriff als Metapher für die letzte Rede, das letzte Konzert, den Abgesang; im 16. Jahrhundert gelangte er in dieser Bedeutung auch in die deutsche Sprache.
Fischer-Dieskaus Schwanengesang war der «Liederkreis» noch nicht. Zwar besitzt die Stimme nicht länger die Spannkraft der ...
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Opernwelt Jahrbuch 2012
Rubrik: Schwanengesänge, Seite 64
von Jürgen Kesting
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