Grausame Götter
Vergessen Sie für einen Moment Mozart und seinen «Idomeneo», der die deprimierende Katharsis des originalen Librettos ins Gegenteil verkehrt. Der Plot ist zwar identisch: Kretas König Idomeneo verspricht Neptun für die Errettung aus einem Seesturm, den ersten Menschen zu töten, der ihm an Land begegnet, und stößt dann fatalerweise auf den eigenen Sohn. Bei Mozart findet der Meeresgott eine fadenscheinige Lösung des eigentlich unlösbaren Konflikts.
André Campras 1712 geschriebener, 1732 revidierter «Idoménée» weiß nichts von der «Schaubühne als moralischer Anstalt», sondern manifestiert die Glorie der Götter in all ihrer Grausamkeit.
Völlig unbekannt ist das Stück nicht. William Christie sorgte 1992 für die bislang einzige Aufnahme, an der Emmanuelle Haïm als Korrepetitorin mitwirkte. An der Opéra de Lille konnte die Dirigentin im Oktober die neue Produktion nur in einer reduzierten szenischen Fassung aufführen; die Premiere fand jetzt an der Berliner Lindenoper statt. Zu erleben war eine wahrhaft prunkvolle, den Geist der französischen tragédie en musique kongenial abbildende Deutung. Den Erfolg garantierten ausnahmslos alle Beteiligten.
Zunächst das von Haïm präzise geleitete ...
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Opernwelt Januar 2022
Rubrik: Panorama, Seite 57
von Volker Tarnow
Über die Frage, was der Mensch sei, haben sich Legionen von Dichtern und Denkern das Hirn zerdrückt. Immerhin eines aber konnte konstatiert werden: Die Krone der Schöpfung ist der homo sapiens sapiens, wie es wissenschaftlich korrekt heißt, vermutlich eher nicht. Auch kein Schwein, wie der (charakterlich zweifelhafte, lyrisch große) Gottfried Benn vermutete....
Der Satz ist, wiewohl etwas altfränkisch in seiner Semantik, Legende und als «kategorischer Imperativ» in die Philosophie- und Kulturgeschichte eingegangen als ein zeitlos gültiges Postulat, das gewiss auch die Zustimmung des Ethik-Experten Freiherr von Knigge gefunden hat: «Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein...
Der Argwohn war groß, die Erleichterung noch größer. Fachfremde Berühmtheiten, die Opern zu inszenieren versuchen, fallen meist auf die Nase. Nicht so Christian Lacroix, einst gefeierter Couturier, heute gefragter Kostümbildner für die Bühne. Mit Offenbachs «La vie parisienne» an der Opéra de Rouen Normandie hat der 70-Jährige seinen Regie-Einstand magna cum laude...
