Fremde in der Nacht

Nina Gühlstorff inszeniert in Weimar Monteverdis «Il ritorno d’Ulisse in patria» als Abgesang auf die Liebe

Über die Frage, was der Mensch sei, haben sich Legionen von Dichtern und Denkern das Hirn zerdrückt. Immerhin eines aber konnte konstatiert werden: Die Krone der Schöpfung ist der homo sapiens sapiens, wie es wissenschaftlich korrekt heißt, vermutlich eher nicht. Auch kein Schwein, wie der (charakterlich zweifelhafte, lyrisch große) Gottfried Benn vermutete. Schweine haben grosso modo einen besseren Charakter als Menschen. Hinfällig hingegen sind beide Gattungen, wenngleich aus unterschiedlichen Gründen: Das Schwein wird vom Menschen geschlachtet, dieser ist gebrechlich von Natur aus.

Das erkannte auch Giacomo Badoaro, als er das Libretto für Claudio Monteverdis spätes Dramma per musica «Il ritorno d’Ulisse in patria» verfasste. Also schuf er sogleich eine dazu passende Figur: L’humana fragiltà. Am Deutschen Nationaltheater Weimar erscheint diese vor dem Eisernen Vorhang als ein Subjekt der Verzweiflung. Vergeblich versucht der Countertenor Georg A. Bochow, während er singend klagt («Salvo è niente dal mio dente»), Wasser aus dem Hahn einer Stele herauszupressen. Doch da ist nichts. Kein einziger Tropfen. Sein Wissen darum, «ein sterblich’ Ding zu sein», offenbart sich in dieser ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Januar 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 22
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Wahnsinnig gut

Mehr als 33 Jahre sind vergangen, seit Dietrich W. Hilsdorf mit Verdis «Don Carlo» seine erste, kontrovers diskutierte Inszenierung an der gerade eröffneten Essener Aalto-Oper präsentierte. Die scharf zugespitzte Deutung wurde bald schon Kult und hielt sich außergewöhnlich lange im Spielplan. Immer wieder hat Hilsdorf seither in Essen inszeniert und wird schon...

Traurige Zeiten

Wie sich die Zeiten doch ändern: Als 1835 Karl von Gutzkows Roman «Wally, die Zweiflerin» erschien, ging nicht nur ein weithin hörbares Raunen durch den deutschen Blätterwald, der Autor landete für seine angeblich blasphemische und (aufgrund einer Nacktszene in der Hochzeitsnacht) als pornografisch inkriminierte Fiktion sogar im Gefängnis und wurde mit einem...

Dream first, then budget

Eine Sekunde kann eine Ewigkeit bedeuten. Nicht nur im Sport. Auch in der Musik, als Intervall, trennt sie Welten, markiert sie womöglich den Unterschied zwischen absolut richtig und absolut falsch. Kent Nagano kann ein Lied davon singen. Dass er es singt, ehrt ihn. Weil es ein Scheitern beschreibt, dass man einem solchen Perfektionisten gar nicht zugetraut hätte....