Fremde in der Nacht
Über die Frage, was der Mensch sei, haben sich Legionen von Dichtern und Denkern das Hirn zerdrückt. Immerhin eines aber konnte konstatiert werden: Die Krone der Schöpfung ist der homo sapiens sapiens, wie es wissenschaftlich korrekt heißt, vermutlich eher nicht. Auch kein Schwein, wie der (charakterlich zweifelhafte, lyrisch große) Gottfried Benn vermutete. Schweine haben grosso modo einen besseren Charakter als Menschen. Hinfällig hingegen sind beide Gattungen, wenngleich aus unterschiedlichen Gründen: Das Schwein wird vom Menschen geschlachtet, dieser ist gebrechlich von Natur aus.
Das erkannte auch Giacomo Badoaro, als er das Libretto für Claudio Monteverdis spätes Dramma per musica «Il ritorno d’Ulisse in patria» verfasste. Also schuf er sogleich eine dazu passende Figur: L’humana fragiltà. Am Deutschen Nationaltheater Weimar erscheint diese vor dem Eisernen Vorhang als ein Subjekt der Verzweiflung. Vergeblich versucht der Countertenor Georg A. Bochow, während er singend klagt («Salvo è niente dal mio dente»), Wasser aus dem Hahn einer Stele herauszupressen. Doch da ist nichts. Kein einziger Tropfen. Sein Wissen darum, «ein sterblich’ Ding zu sein», offenbart sich in dieser ...
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Opernwelt Januar 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 22
von Jürgen Otten
Simon Laks wurde am 1. November 1901 in Warschau geboren. Am selben Tag wie der bedeutende Musikwissenschaftler Hans Heinz Stuckenschmidt, der am 1. November 1901 in Strasbourg das noch recht optimistisch leuchtende Licht der Welt erblickte. Stuckenschmidt verbat man bereits 1934 das Schreiben und Publizieren, hatte er sich doch nachhaltig für jüdische Musikerinnen...
Stimmlich, figürlich und darstellerisch (man verstand jedes Wort) einfach die Erfüllung einer seit 25 Jahren an die Deutschen gestellten Forderung» – so schwärmte Richard Strauss brieflich über Maria Rajdl, nachdem er sie 1930 in Dresden als Salome erlebt hatte. Schließlich hatte er selbst einiges getan, um der Sopranistin den Auftritt in der 1905 gleichenorts...
Dem (Ver)fall des Otello sieht man von ganz nah zu. Die Opernbühne ist nach vorne gerückt, endet direkt vor der ersten Publikumsreihe. Der Orchestergraben, abgedeckt, wird zur Spielfläche. Die Musiker sitzen – von den Spielenden getrennt durch eine Gaze – im Hintergrund, in goldbraunem Licht schemenhaft sichtbar. Auch der Chor ist nicht weit entfernt: Er steht im...
