Graue Mäuse gibt es ja schon genug
Die Nachrichten auf einem amerikanischen Internet-Musikforum überschlagen sich: Eine mittelschwere Sensation muss sich ereignet haben. Eine deutsche Sängerin war in der Carnegie Hall mit Andrea Marcons Vivaldi-Projekt «Andromeda liberata» zu Gast – und sie hat reihenweise Opernfans den Kopf verdreht. Mit dem Namen konnten die meisten zuvor nichts anfangen: Simone wer? Egal: Sogleich folgte die Einladung für ein Solokonzert im kommenden Februar.
Die gleiche Reaktion ein paar Tausend Kilometer östlich: Ihre erste Donna Anna in Moskau wird ein Ausnahmeerfolg – und prompt folgt eine Einladung für zwei Opernkonzerte als einzige Solistin – eine seltene Ehre.
Hierzulande ist Simone Kermes natürlich längst keine Unbekannte mehr. Schon zwei Schubladen hat die Presse für sie gefunden: «Primadonna der Alten Musik» ist die erfreuliche erste, «sopranistisches Pulverfass» die möglicherweise doppeldeutige zweite. Unter den jüngeren deutschen Sängerinnen ist wohl keine in den vergangenen Jahren so umfangreich auf CD verewigt wie sie: Viele Händel-Gesamtaufnahmen, dazu reihenweise Konzert – jede Menge Kermes in den Plattenläden. «O ja, schrecklich!», meint die Sängerin dazu, und das ist kein ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Von Honoré de Balzac, einem der aufmerksamsten Chronisten des 19. Jahrhunderts, stammt eine Sentenz, die das Phänomen Bohème folgendermaßen charakterisiert: «Die Bohème hat nichts und lebt von dem, was sie hat. Die Hoffnung ist ihre Religion, der Glaube an sich ist ihr Gesetzbuch, die Wohlfahrt gilt ihr als Budget. Alle diese jungen Menschen sind größer als ihr...
Über dem Mozart-Hype hätte man beinahe den anderen Jubilar vergessen, hundert Jahre jünger als der Jahresregent: Sigmund Freud. Von ihm stammt der Satz «Was die Kulturentwicklung fördert, arbeitet auch gegen den Krieg», was wiederum als Spielstein fugenlos ins Programmpuzzle von «New Crowned Hope» passen würde. Künstler müssen der Welt Zeichen und Bilder des...
Holzwurm und Karaoke
Wird Mozarts «Zauberflöte» ihrem unausrottbaren Ruf, eine Kinderoper zu sein, gerecht? Nein, würden viele Musiktheaterpädagogen sagen: dramaturgisch verworren, weltanschaulich überladen, politisch unkorrekt und natürlich – zu lang. Für die CD-Branche und die Verlage ist dieses Problem obsolet. Sie halten am Status quo fest, dass «Die...
