Gratwanderung
Bilde Künstler, rede nicht», das war eine Formel, die dem Bildungsbürger behagte: Das Genie solle gefälligst «bleibende» Werte und Werke schaffen, Manifestationen nach Art des Beethovenschen «Titanismus» oder Bruckner’scher «Kathedralen». Dabei führt Goethes Satz ins genaue Gegenteil weiter: «Nur ein Hauch sei Dein Gedicht» – Aura statt Marmor. Nun ist Musik ein paradoxes Phänomen: sowohl ungegenständlich als auch sinnlich erfahrbar. Und gerade die begriffslose Tonkunst hat seit Platon auch die Denker beschäftigt, nicht zuletzt die Komponisten.
Wobei sich Praxis und ästhetische Reflexion ergänzten: Zur Musik gehört auch die Musikphilosophie - als mögliche Sinnstiftung.
So mag es kein Zufall sein, dass in den letzten Jahren eine Reihe bedeutsamer Bücher zu dem Thema erschienen ist, die gleichwohl, in unterschiedlicher Weise, den berühmten Satz des Philosophen Hegel umkreisen: «Die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.» Das will heißen: Erst wenn eine Sache nicht mehr selbstverständlich, sie frag-würdig geworden ist, dann wird sie zum Verständnis-Problem. Adornos «Philosophie der neuen Musik» stand für den Umschwung. Das Denken galt nicht mehr dem ...
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Opernwelt November 2024
Rubrik: CD, DVD, Buch, Seite 38
von Gerhard R. Koch
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