Gratwanderung
Bilde Künstler, rede nicht», das war eine Formel, die dem Bildungsbürger behagte: Das Genie solle gefälligst «bleibende» Werte und Werke schaffen, Manifestationen nach Art des Beethovenschen «Titanismus» oder Bruckner’scher «Kathedralen». Dabei führt Goethes Satz ins genaue Gegenteil weiter: «Nur ein Hauch sei Dein Gedicht» – Aura statt Marmor. Nun ist Musik ein paradoxes Phänomen: sowohl ungegenständlich als auch sinnlich erfahrbar. Und gerade die begriffslose Tonkunst hat seit Platon auch die Denker beschäftigt, nicht zuletzt die Komponisten.
Wobei sich Praxis und ästhetische Reflexion ergänzten: Zur Musik gehört auch die Musikphilosophie - als mögliche Sinnstiftung.
So mag es kein Zufall sein, dass in den letzten Jahren eine Reihe bedeutsamer Bücher zu dem Thema erschienen ist, die gleichwohl, in unterschiedlicher Weise, den berühmten Satz des Philosophen Hegel umkreisen: «Die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.» Das will heißen: Erst wenn eine Sache nicht mehr selbstverständlich, sie frag-würdig geworden ist, dann wird sie zum Verständnis-Problem. Adornos «Philosophie der neuen Musik» stand für den Umschwung. Das Denken galt nicht mehr dem ...
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Opernwelt November 2024
Rubrik: CD, DVD, Buch, Seite 38
von Gerhard R. Koch
Da sitzen sie also, die beiden Alten, am Ende der «Götterdämmerung», jeweils an den Stirnseiten der langen Tafel, einem Kernrequisit des neuen Basler «Rings». Zwischen ihnen nur der verfluchte Reif. So nicht alles täuscht, hat die Regie jenen letzten Ausruf in der Tetralogie «Zurück vom Ring» zuvor nicht Hagen, sondern Wotan singen lassen. Will heißen: Keiner hat...
Wie zusammenfügen, was sich widerspricht? Erst recht in einem Fall wie «Ariadne auf Naxos» von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss, wo ein begüterter Auftraggeber zusätzlich zur bestellten Opera seria nach einer Opera buffa ruft und außerdem verlangt, dass die beiden Stücke gleichzeitig aufgeführt werden? Ende 2006, bei der letzten Aufführung von «Ariadne auf...
Größer könnte der Kontrast kaum sein: Auf der einen Seite Bernd Alois Zimmermanns «Requiem für einen jungen Dichter» mit seinem gigantischen Aufgebot von drei Chören, großem Orchester, Jazzband, Sängern und Tonbandeinspielungen; auf der anderen Morton Feldmans radikal reduzierte Komposition «Rothko Chapel», eine musikalische Meditation über die Gemälde von Mark...
