Göttliche Tragödie
Die keusche Jungfrau kommt von rechts. Irrlichternd ihr Blick, ängstlich an den Körper gepresst Hände und Gebetbuch, unsicher der Gang. Kein Zweifel, sie fühlt sich unwohl in diesem Umfeld, inmitten der Heiden, unfrei, beklommen. Zum Glück ist da ein Stuhl, er bietet Schutz, aber nur für Sekunden. Denn sofort nimmt direkt neben ihr breitbeinig der römische Statthalter Valens Platz: ein einnehmendes Wesen, mächtig, aufdringlich, wollüs-
tig. Schon früh ist gewiss: In dieser Welt wird Theodora ihr Glück nicht finden, hier ist sie eine Fremde.
So wie Händels Komposition in einem Opernkontext. «Theodora», 1750 auf ein Lib-
retto von Reverend Thomas Morell verfasst (der sich wiederum nach Kräften bei der wenige Jahre zuvor erschienenen Novelle «The Martyrdom of Theodora» von Robert Boyle bediente), ist ein religiös-dramatisches Oratorium – und vielleicht Händels beste Schöpfung innerhalb dieser Gattung, jedenfalls die anrührendste. Ein (überwiegend in Moll gehaltenes) Werk der großen Geste ebenso wie der detailfreudigen Kühnheit, ein inniges Bekenntnis ebenso wie ein oratorisches Monument. Aber gehört dieses Monument der Innigkeit ausgerechnet auf eine Opernbühne?
Nach dem Abend bei den ...
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