Göttliche Tragödie

Christof Loy und Ivor Bolton schauen bei den Salzburger Festspielen tief ins Innere von Händels «Theodora»

Opernwelt - Logo

Die keusche Jungfrau kommt von rechts. Irrlichternd ihr Blick, ängstlich an den Körper gepresst Hände und Gebetbuch, unsicher der Gang. Kein Zweifel, sie fühlt sich unwohl in diesem Umfeld, inmitten der Heiden, unfrei, beklommen. Zum Glück ist da ein Stuhl, er bietet Schutz, aber nur für Sekunden. Denn sofort nimmt direkt neben ihr breitbeinig der römische Statthalter Valens Platz: ein einnehmendes Wesen, mächtig, aufdringlich, wollüs-
tig. Schon früh ist gewiss: In dieser Welt wird Theodora ihr Glück nicht finden, hier ist sie eine Fremde.


So wie Händels Komposition in einem Opernkontext. «Theodora», 1750 auf ein Lib-
retto von Reverend Thomas Morell verfasst (der sich wiederum nach Kräften bei der wenige Jahre zuvor erschienenen Novelle «The Martyrdom of Theodora» von Robert Boyle bediente), ist ein religiös-dramatisches Oratorium – und vielleicht Händels beste Schöpfung innerhalb dieser Gattung, jedenfalls die anrührendste. Ein (überwiegend in Moll gehaltenes) Werk der großen Geste ebenso wie der detailfreudigen Kühnheit, ein inniges Bekenntnis ebenso wie ein oratorisches Monument. Aber gehört dieses Monument der Innigkeit ausgerechnet auf eine Opernbühne?
Nach dem Abend bei den ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt September/Oktober 2009
Rubrik: Festspiele, Seite 6
von Jürgen Otten

Vergriffen
Weitere Beiträge
Goldregeln für Goldkehlen

Nur alle fünf Jahre findet der 1984 ins Leben gerufene und nach der Sängerin und Gesangspädagogin Mirjam Herlin (1911-2006) benannte Gesangswettbewerb in Helsinki statt. Er genießt internationales Ansehen und kann bereits auf eine stolze Siegerliste zurückblicken, in der sich Namen wie Vladimir Chernov, Olaf Bär, Andrea Rost, René Pape und Elina Garanca finden. Die...

Aus der Fülle

Auch wenn man diese «Parsifal»-Inszenierung zum zweiten Mal erlebt, kann nur ein Bruchteil der ständig flutenden Bilder im Gedächtnis bleiben. Die Zeitreise von der Uraufführung 1882 bis in Adenauers Bundestag ist klarer geworden (sie ist in diesem Jahr durch Flüchtlinge ergänzt, die nach «Ich sah ihn und lachte...» von NS-Soldaten weggeführt werden). Doch sie...

Gehaltvolles Dessert

Der Schriftsteller und Musikwissenschaftler Romain Rolland meinte einmal, Händel habe «die große Überlegenheit von Porpora in Bezug auf den großen Stil und dramatische Kraft» genau registriert. Der Dirigent und Cembalist Ondrej Macek, der vor zwei Jahren in der Wiener Nationalbibliothek die bislang unbekannte Serenade «La morte di Ercole» von Nicola Porpora aus dem...