Aus der Fülle
Auch wenn man diese «Parsifal»-Inszenierung zum zweiten Mal erlebt, kann nur ein Bruchteil der ständig flutenden Bilder im Gedächtnis bleiben. Die Zeitreise von der Uraufführung 1882 bis in Adenauers Bundestag ist klarer geworden (sie ist in diesem Jahr durch Flüchtlinge ergänzt, die nach «Ich sah ihn und lachte...» von NS-Soldaten weggeführt werden). Doch sie erscheint auch weniger wichtig, Rahmen nur für die Verästelungen der Ikonografie, des Theaters auf dem Theater, der psychologischen Abhängigkeiten, der gespaltenen und vervielfältigten Figuren.
Dieser Fülle steht, oft einhegend, bisweilen banalisierend, die Tendenz zum Zeigen gegenüber: Das Wort wird Bild, ständig. Und damit sind wir weniger bei der mystischen Erlebnisschicht des «Parsifal» als bei einem riesigen Bühnenbildschirm, der auf verschiedenen Fenstern immer das zeigt, was gerade gesagt, erinnert oder vorausgeahnt wird. Weniger wäre mehr.
Daniele Gatti hat sich weitgehend von den zerdehnten, pseudo-feierlichen Tempi des Vorjahres verabschiedet. Wirklich überzeugend wurde sein Dirigat deshalb noch nicht. Das Vorspiel kam erstaunlich unkonzentriert; bei den Erzählungen des Gurnemanz (souverän im balsamischen Ton, mit ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Unter den bedeutenden Primadonnen von heute nimmt die Georgierin Iano Tamar eine Sonderstellung ein, da sie weder den reinen Schönsängerinnen noch den erklärten Ausdruckskünstlerinnen zuzurechnen ist, vielmehr mit einiger Konsequenz die Synthese aus Belcanto und Musiktheater angestrebt und gefunden hat. Ihr Interesse gilt den extremen Charakteren (Medea, Abigaille,...
Dass «Der fliegende Holländer» erst ab 1901 in Bayreuth gespielt wurde, ist kein Zufall. Wagner wollte das, was er als Entwicklung von der Oper zum Musikdrama erstrebt und erkämpft hatte, keineswegs zurückdrehen. Als Nummernoper hatte der «Holländer» wenig mit dem später avisierten Gesamtkunstwerk zu tun. Wenn Wagner mehr Zeit geblieben wäre, hätte er alle seine...
Die keusche Jungfrau kommt von rechts. Irrlichternd ihr Blick, ängstlich an den Körper gepresst Hände und Gebetbuch, unsicher der Gang. Kein Zweifel, sie fühlt sich unwohl in diesem Umfeld, inmitten der Heiden, unfrei, beklommen. Zum Glück ist da ein Stuhl, er bietet Schutz, aber nur für Sekunden. Denn sofort nimmt direkt neben ihr breitbeinig der römische...
