Glaube, Liebe, Hoffnung
Aus Furcht vor der Welt da draußen ins Kloster fliehen zu wollen, ist nicht zwingend ein ratsamer Entschluss. Entweder wird man in solchem Fall nicht aufgenommen oder von seinen Ängsten eingeholt. Warum also Madame de Croissy, die Priorin des Karmelitinnen-Konvents von Compiègne bei Paris, die weltflüchtige Blanche de la Force dennoch ins Kloster eintreten lässt, kann leicht als dramaturgischer Schwachpunkt von Francis Poulencs Oper gelten.
Regisseurin Marie Lambert-Le Bihan freilich motiviert die Entscheidung der Klostervorsteherin schlüssig mit deren eigener, doch zunächst unter dem Ordenshabit verborgenen Furcht vor dem Sterben. Denn selbst die frommste Übung feit nicht unbedingt vor den Seelenqualen in Todesnot. Das nahende Ende reduziert den Geist und Leib der Priorin auf ein verzweifeltes Gemüt in einem gedunsenen Körper mit blutig-offenen Beinen. Umso trotziger besteht die junge Nonne auf dem Kloster als Zufluchtsort. Ihre Selbstgerechtigkeit decouvriert sich, indem sie die vitale, dennoch von düsteren Zukunftsvisionen heimgesuchte Mitschwester Constance für deren Freude am Leben abkanzelt. Kaum aber hat die Revolution die Nonnen in Gefahr gebracht, entläuft sie dem Ort wie ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt August 2023
Rubrik: Panorama, Seite 48
von Michael Kaminski
Der Versuch des Theaters Osnabrück, Jaromír Weinbergers vergessene Oper über Wallenstein, den bekanntesten Heerführer des Dreißigjährigen Krieges, für die Bühne zurückzugewinnen, besaß zwei starke Momente – den schockhaften Beginn und das quälende Ende. Den Anfang setzt nicht die Musik, sondern unter ohrenbetäubendem Sirenenalarm ein optisches Zitat – die «stumme...
Ganz Berlin witzelte über die vielen Posaunen und über den großen Elefanten in den Prachtaufzügen dieser Oper […]. Die Enthusiasten aber riefen: ‹Hosianna! Spontini ist selbst ein musikalischer Elefant! Er ist ein Posaunenengel!›» Mit diesen Worten zeichnete Heinrich Heine 1822 anlässlich einer Aufführung von Spontinis «Olympie» das (bis heute nicht vollends...
Entwürfe sind, im Leben wie in der Kunst, etwas Feines. Ihnen genügt der Vorschein des Vollendeten, die Aura der Andeutung; sie erlauben es, lustvoll mit Dingen zu jonglieren, fantasievoll zu fabulieren, sogar grenzenlos zu spekulieren – und das ohne den Zwang, die Ideen eins zu eins an die Realität anzupassen. Entwürfe bergen jenen Zauber, den Robert Musil in...
