Das gegenwärtige Leben
Der wichtigste Moment in der Aufführung von Bellinis «Norma» am Stanislawski-und-Nemirowitsch-Dantschenko Musiktheater ist der, als Regisseur Adolf Schapiro beispielhaft die in Moskau vorherrschende Stimmung beschreibt: Oroveso, im Kampfanzug in einem Rollstuhl sitzend, erinnert das Publikum daran, dass bald der Moment kommen wird, an dem der Widerstand gegen die fremde Staatsmacht aufflammt; an der Bühnenrampe drängt sich derweil ein Männerchor aus Soldaten in Uniformen unserer Zeit und skandiert so lebhaft wie lautstark seine Entschlossenheit in den Saal.
Die musikalische Seite dieses Abends hingegen lässt viele Wünsche offen: Der aus St. Petersburg eingeladene Dirigent Christian Knapp reproduziert die Töne der Partitur, ohne zu spüren, dass sie etwas weit Wichtigeres zu sagen haben. Und auch Hilba Gersmawa, gegenwärtig die einzige bedeutende Primadonna in Moskau, singt die Norma «buchstabengetreu», ohne den Noten auch nur annähernd inhaltliches Gewicht zu verleihen; ohnehin scheint ihre Stimme der schwierigen Titelpartie nur an wenigen Stellen gewachsen zu sein. Erschwerend kommt hinzu, dass ihr Handlungsspielraum von der Regie auf ein Minimum eingeengt wird. Weit überzeugender ...
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Opernwelt August 2023
Rubrik: Magazin, Seite 68
von Alexej Parin
Entwürfe sind, im Leben wie in der Kunst, etwas Feines. Ihnen genügt der Vorschein des Vollendeten, die Aura der Andeutung; sie erlauben es, lustvoll mit Dingen zu jonglieren, fantasievoll zu fabulieren, sogar grenzenlos zu spekulieren – und das ohne den Zwang, die Ideen eins zu eins an die Realität anzupassen. Entwürfe bergen jenen Zauber, den Robert Musil in...
Über Händels Humor ist nicht allzu viel bekannt. Dass er ihn angesichts der logistischen Schwierigkeiten im Londoner Opernleben seiner Zeit gehabt haben muss, das hingegen steht außer Zweifel. Richtig schlimm wurde es für den komponierenden Impresario (oder, je nach Blickwinkel: den geschäftsführenden Komponisten) in den 1730er-Jahren, als die Konkurrenz, die unter...
Gut sieht sie aus, die «alte Frau», wie sie da aus der Tür des Riesenkarpfens, der (auch) ein Haus darstellt, heraustritt, neugierig, wer da wohl geklopft hat. Eine Dame, könnte man meinen. Doch schon die ersten Worte und Töne verwandeln dieses wunderliche Wesen in ein keifendes Weib, das den beiden Menschen, die frierend und zitternd vor ihr stehen – in größter...
