Geschmeidige Wollust

Exquisit: Countertenor Valer Sabadus interpretiert Arien von Johann Sebastian Bach und Georg Philipp Telemann

Die Aufforderung, mit der sich der Countertenor Valer Sabadus an sein imaginäres Gegenüber wendet, ist an Doppeldeutigkeit kaum zu überbieten: «Schlafe, mein Liebster, und pflege der Ruh, folge der Lockung entbrannter Gedanken …» Wie bitte? Und in weiterer Folge: «Schmecke die Lust der lüsternen Brust, und erkenne keine Schranken …» Huch! Was wir erkennen, ist die Melodie einer der Marien-Arien aus dem Bach’schen «Weihnachtsoratorium» (kaum eine hat diese so schön und wahrhaft gesungen wie Christa Ludwig in der legendären Karl-Richter-Aufnahme).

Von einer «Lockung entbrannter Gedanken» und zumal von der «Lust der lüsternen Brust» ist dort allerdings keine Rede. Doch der Meister aller Meister selbst hat jenen fast pornografisch anmutenden Text vertont – und, da seine Musik sprachliche Unvollkommenheit heiligt, die Inspiration dann auch im «Weihnachtsoratorium» wirksam werden lassen.

Verantwortlich dafür ist das im Barock übliche Parodieverfahren, das bekanntlich nichts mit Spott und Satire zu tun hat, sondern heute eher mit «Recycling» konnotiert würde. Ursprünglich stammt die Arie aus der «Herkules-Kantate» («Laßt uns sorgen, laßt uns wachen», BWV 213); sie schildert den Versuch ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2021
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 32
von Gerhard Persché

Weitere Beiträge
Keine Angst vor geschlossenen Räumen

In den 80er- und 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts haben Rück- und Seitenlichtkonzepte, die im Bühnenbild teilweise absurde Einschnitte («Lichtschießscharten») erforderten, eigentlich geschlossene Raumkonzepte torpediert. Seither habe ich mir angewöhnt, einen «gedeckelten» Raum so zu akzeptieren, wie er vielleicht gemeint ist. Dabei habe ich mich, wie ich...

Apropos... Selbstvertrauen

Zunächst ein Tiefschlag in Berlin, dann dieser unglaubliche Höhenflug in Barcelona! Wie haben Sie diese emotionale Achterbahnfahrt weggesteckt?
Ich glaube, als Sängerin muss man lernen, Erfolge, aber auch Niederlagen richtig einzuordnen. Wenn ich bei Wettbewerben keinen Preis gewinne, wie vor Kurzem in Berlin, versuche ich immer, es nicht allzu wichtig zu nehmen,...

Die pure Energie

Frau Chevalier, Sie kommen gerade aus Wien, wo Sie am Theater an der Wien die Titelrolle in Peter Konwitschnys Inszenierung von Massenets «Thaïs» verkörpert haben. Die Premiere konnte wegen Corona nicht vor Publikum stattfinden. Was macht das mit Ihnen? Und ergibt eine «Thaïs» vor leerem Saal überhaupt Sinn, wo keiner da ist, für den Sie das machen?
Eine...