Der Mythos lebt
Dass Herbert von Karajan über seinen 100. Geburtstag hinaus gerade für die Musikwissenschaft ein interessanter Gegenstand sein würde, ist erstaunlich und war nicht zu erwarten. Denn zu Lebzeiten wurde er gerade von dieser Seite selten ernst genommen, seine Selbstpräsentation als ambitionierter Freizeitsportler und profitorientierter Musikunternehmer machte ihn unter den Hermeneutikern des Kunstwerks suspekt; ihnen lagen unter den Dirigenten Hermann Scherchen, Pierre Boulez oder Michael Gielen näher.
Heute indes scheint deren analytischer Zugriff für die Beschäftigung unergiebig, während Karajans demiurgisches Wirken als Interpret und Musikverkäufer einschneidende Folgen für den Begriff von Musik, von Interpretation und für das Musikleben nach sich zog.
Diesen Folgen geht die Aufsatzsammlung «Der Karajan-Diskurs» thematisch vielfältig und abwechslungsreich nach – Julian Caskel hat sie zehn Jahre nach einem Fachkongress in Köln herausgegeben. Es ist kein Publikumsbuch, aber für den interessierten Laien durchaus gut lesbar. Abgesehen von einigen biografischen Reflexionen widmet sich der Band vor allem der Interpretationskritik. Dabei erweist sich die interpretationsgeschichtliche ...
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Opernwelt Mai 2021
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 36
von Peter Uehling
«Wie viel Musik braucht der Mensch?» Offenbar viel, und noch mehr Ideen und dramaturgische Eingebungen dazu, wie sie Hans Neuenfels gern in Texten verdichtete. Eine Auswahl davon hat er 2009 unter diesem investigativen Buchtitel versammelt – in einer Art berauschtem Selbstappell als «Beschwörungen, Ablagerungen freigelegter Empfindungsschichten, Auffangbecken der...
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