Geschlossene Gesellschaft
Was wohl mag Georg Friedrich Händel bewogen haben, den Londonern im Jahr 1744 statt des gewohnten Oratoriums die Vertonung eines vierzig Jahre alten Opernlibrettos vorzusetzen, noch dazu ein Werk William Congreves, des Großmeisters der englischen «Comedy of Manners», die zu diesem Zeitpunkt längst aus der Mode war? Deren Kennzeichen ist die hochentwickelte und mehrfach über Bande gespielte Intrige, und eine solche liegt auch dem nur vordergründig mythologischen «Semele»-Text zugrunde.
Semele, sterbliche Geliebte des Obergottes Jupiter, lässt sich von dessen Gattin Juno einen verhängnisvollen Wunsch suggerieren: Sie begehrt, Jupiter in unverhüllter Göttlichkeit zu schauen und damit eigene Unsterblichkeit zu erlangen. Als der Wunsch gewährt wird, verbrennt sie. Im Olymp geht es also nicht viel anders zu als am englischen Hof oder in Londoner Bürgerhäusern. Robert Carsen hat in seiner Inszenierung 1998 für die Vlaamse Opera das Ganze als «Royal Soap Opera« erzählt, mit der Queen als Juno und Lady Di als Semele, die bei Hofe keineswegs den Feuer-, vielmehr den sozialen Kältetod erleidet.
Ganz anders Dietrich Hilsdorfs Essener Inszenierung, die das Geschehen zur Entstehungszeit im ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Schon der Beginn der Oper klingt verheißungsvoll: Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks präsentiert sich unter der Leitung von Bertrand de Billy vom ersten Takt an als jener exquisite Klangkörper von geschmeidiger, in allen Belangen differenzierender Tongebung und rhythmischer Elastizität, als der er diese Aufnahme bis zum Schluss maßgeblich prägt....
Wenn’s denn ein Opernkalauer sein darf. Frage: Was ist die Steigerung von «nie gehört»? Antwort: «Clari»! Den Titel von 1828 dürfte selbst im notorisch ausgrabungsfreudigen Zürcher Opernhaus niemand auf der Rechnung gehabt haben, bevor Cecilia Bartoli in der Pariser Bibliothèque Nationale darauf stieß. Das geschah, als die Musikforscherin in ihr auf den Spuren von...
Glyndebourne war einmal ein Ort, an dem (auf Einladung von Günther Ebert und Peter Hall) bedeutende Monteverdi-Pioniere arbeiteten. Doch das ist lange her, abgesehen von einer «Poppea» zum fünfzigjährigen Jubiläum des Festivals 1984. Wenn nun die neue «Poppea»-Produktion dort eines bestätigt, so die Erkenntnis, dass das Stück dramaturgisch größere Probleme aufwirft...
