Genrebilder aus dem Gulag
An der Wende zum 20. Jahrhundert entdeckte auch Italien die Tiefen des Russischen Reichs. Kurz vor dem Erfolg der «Ballets Russes» in Paris waren Dostojewskis und Tolstois Romane übersetzt worden. Nicht viel hätte gefehlt und die erste Oper mit dem Titel «Aus einem Totenhaus» wäre nicht 1928 von Janáček, sondern von Puccini oder dem neun Jahre jüngeren Giordano komponiert worden.
In dessen «Siberia» aus dem Jahre 1903 sind verschiedene literarische Vorlagen so weit verdünnt, dass Dostojewskis Roman vom (eigenen) Straflager nur noch aus der Ferne aufscheint: Stephana, eine Kurtisane de luxe, hat sich in den jungen Vassili verliebt. Im Streit verletzt dieser deren Sugardaddy. Stephana folgt Vassili ins Lager, wo die beiden auch ihren Zuhälter wiedertreffen. «Natürlich» kommt die «heilige Hure» zu Tode, aber nicht (wie zunächst geplant) durch Selbstmord oder Tuberkulose, sie wird beim Fluchtversuch erschossen.
Das klingt nach Kolportage – zumal wenn das Libretto «Siberia» auf «miseria» reimen lässt. Und ist doch Giordanos reichste Partitur. Mit unerhörten koloristischen Effekten (bis hin zum Einsatz von Balalaiken), einer motivischen Konzentration, die zeigt, wie genau Giordano ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt September/Oktober 2021
Rubrik: Panorama, Seite 67
von Anselm Gerhard
Ein zerrissenes Porträtfoto ist fast das einzige, was im Nachlass Wieland Wagners von der Existenz Kurt Overhoffs (1902–1986), seines langjährigen, später aber konsequent verleugneten Mentors, zeugt. Zehn Jahre lang (mit Unterbrechungen) hat Overhoff dem Wagner-Enkel, der eigentlich Maler werden wollte, die musikalischen wie theaterpraktischen Geheimnisse der...
Wirklich furchterregend ist das Biest, das da, aus der Bühnentiefe des Festspielhauses geschlüpft, über einen hinwegbraust, auf mächtigen Schwingen, mit grünem Schuppenkleid und einem Maul voll gezackter Zähne, aus dem Feuerstrahlen schießen. Wie sich halt Richard Wagner seinen Drachen dachte, der schon zur Uraufführung des «Siegfried» nur unvollständig realisiert...
Herr Karaman, der Schriftsteller und Dramatiker Peter Hacks schreibt in seinem wunderbaren Buch «Marxistische Hinsichten», Kunst sei nicht für die Utopien zuständig, sondern für die realistische Darstellung der Welt; man müsse zeigen, was ist. Ist das eine Idee, mit der Sie etwas anfangen können?
Unbedingt! Das ist mir sogar sehr nahe. Denn die Arbeit am Theater...
