Genrebilder aus dem Gulag

Giordano: Siberia
FLORENZ | TEATRO DEL MAGGIO MUSICALE

An der Wende zum 20. Jahrhundert entdeckte auch Italien die Tiefen des Russischen Reichs. Kurz vor dem Erfolg der «Ballets Russes» in Paris waren Dostojewskis und Tolstois Romane übersetzt worden. Nicht viel hätte gefehlt und die erste Oper mit dem Titel «Aus einem Totenhaus» wäre nicht 1928 von Janáček, sondern von Puccini oder dem neun Jahre jüngeren Giordano komponiert worden.

In dessen «Siberia» aus dem Jahre 1903 sind verschiedene literarische Vorlagen so weit verdünnt, dass Dostojewskis Roman vom (eigenen) Straflager nur noch aus der Ferne aufscheint: Stephana, eine Kurtisane de luxe, hat sich in den jungen Vassili verliebt. Im Streit verletzt dieser deren Sugardaddy. Stephana folgt Vassili ins Lager, wo die beiden auch ihren Zuhälter wiedertreffen. «Natürlich» kommt die «heilige Hure» zu Tode, aber nicht (wie zunächst geplant) durch Selbstmord oder Tuberkulose, sie wird beim Fluchtversuch erschossen.

Das klingt nach Kolportage – zumal wenn das Libretto «Siberia» auf «miseria» reimen lässt. Und ist doch Giordanos reichste Partitur. Mit unerhörten koloristischen Effekten (bis hin zum Einsatz von Balalaiken), einer motivischen Konzentration, die zeigt, wie genau Giordano ...

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Opernwelt September/Oktober 2021
Rubrik: Panorama, Seite 67
von Anselm Gerhard

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