Nach dem Verborgenen suchen

Seit 20 Jahren inszeniert Immo Karaman Musiktheater. Ein Gespräch über Angst im Theater, die Bereitschaft zum Wagnis und die Frage, was den Menschen vom Löwen unterscheidet

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Herr Karaman, der Schriftsteller und Dramatiker Peter Hacks schreibt in seinem wunderbaren Buch «Marxistische Hinsichten», Kunst sei nicht für die Utopien zuständig, sondern für die realistische Darstellung der Welt; man müsse zeigen, was ist. Ist das eine Idee, mit der Sie etwas anfangen können?
Unbedingt! Das ist mir sogar sehr nahe. Denn die Arbeit am Theater sollte sich eigentlich auf die Frage fokussieren, wer wir wirklich sind – auch wenn die Antwort leider in den seltensten Fällen erbaulich ausfällt. Aber dieses Defizit macht uns aus.

Das sind wir!  Zudem glaube ich, dass es für unser Zusammenleben weitaus günstiger ist, wissen zu wollen, wer wir sind und welche verborgenen Identitäten in uns schlummern. Wenn wir hingegen über Utopien sprechen, intellektualisieren wir sehr schnell und bauen Luftschlösser – da gibt es oft kein Lot in die schwarze Tiefe unseres realen Daseins. Es ist doch viel spannender und vermutlich auch richtiger, Mikrokosmen zu erschaffen, in denen wir uns selbst beobachten können. Wir gehen ja auch gerne ins Aquarium oder Terrarium und sind gefangen genommen von den kleinen Welten, die wir dort sehen. Das Faszinierende daran ist, dass wir dabei der ...

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Opernwelt September/Oktober 2021
Rubrik: Interview, Seite 76
von Jürgen Otten

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