Nach dem Verborgenen suchen

Seit 20 Jahren inszeniert Immo Karaman Musiktheater. Ein Gespräch über Angst im Theater, die Bereitschaft zum Wagnis und die Frage, was den Menschen vom Löwen unterscheidet

Herr Karaman, der Schriftsteller und Dramatiker Peter Hacks schreibt in seinem wunderbaren Buch «Marxistische Hinsichten», Kunst sei nicht für die Utopien zuständig, sondern für die realistische Darstellung der Welt; man müsse zeigen, was ist. Ist das eine Idee, mit der Sie etwas anfangen können?
Unbedingt! Das ist mir sogar sehr nahe. Denn die Arbeit am Theater sollte sich eigentlich auf die Frage fokussieren, wer wir wirklich sind – auch wenn die Antwort leider in den seltensten Fällen erbaulich ausfällt. Aber dieses Defizit macht uns aus.

Das sind wir!  Zudem glaube ich, dass es für unser Zusammenleben weitaus günstiger ist, wissen zu wollen, wer wir sind und welche verborgenen Identitäten in uns schlummern. Wenn wir hingegen über Utopien sprechen, intellektualisieren wir sehr schnell und bauen Luftschlösser – da gibt es oft kein Lot in die schwarze Tiefe unseres realen Daseins. Es ist doch viel spannender und vermutlich auch richtiger, Mikrokosmen zu erschaffen, in denen wir uns selbst beobachten können. Wir gehen ja auch gerne ins Aquarium oder Terrarium und sind gefangen genommen von den kleinen Welten, die wir dort sehen. Das Faszinierende daran ist, dass wir dabei der ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt September/Oktober 2021
Rubrik: Interview, Seite 76
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
«Lass irre Hunde heulen!»

Schauerlich nannte Schubert die Lieder der «Winterreise», die in seinem Freundeskreis zunächst keinen Anklang fanden. Man muss bis zu Mussorgskys kleinem Zyklus «Ohne Sonne» oder Wolfs drei «Michelangelo-Liedern» gehen, um am Ende des 19. Jahrhunderts auf einen vergleichbar ausweglosen Pessimismus zu stoßen. Heutzutage ist Schuberts Liederkreis einer Reise noch...

Vollendet das ewige Werk

Die Trachtenjanker und Gamsbärte, die Dirndl und kunstvoll gezwirbelten Flechtfrisuren im Publikum gibt es nicht mehr. 1998 konnte man sie noch bewundern, als dieses Event wie ein Ufo in dem Tiroler Dorf unweit des Inns landete und dabei das Passionsspielhaus in Beschlag nahm. Doch Wagners «Rheingold» als Gründungsstück der Tiroler Festspiele (damals mit Albert...

Gladiatorenschurz und Clownsnase

Vor 75 Jahren, ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs, ließen im Sommer einige Kulturhungrige am Bodensee nahe dem Ufer in Ermangelung einer intakten Spielstätte zwei Kieskähne zusammenspannen: Auf dem einen saß das Orchester, auf dem anderen agierten Sänger und Tänzer, gegeben wurden Wolfgang Amadé Mozarts Schäferspiel «Bastien und Bastienne» sowie als Ballett...