Genf: Wohldosiertes Heldentum

Wagner: Die Walküre (Genf / Grand Théâtre)

Opernwelt - Logo

Ein Selbstläufer sei gerade dieser erste Akt, heißt es. Nicht nur wegen Wagners detaillierten Libretto-Anweisungen, sondern auch, weil die Musik extrem gestisch ist. Unerhört, minutiös aufgedröselt – und dabei so ungemein gefährlich. Das alles kann zum Mickey Mousing verführen. Es sei denn, da hört einer genau hin. Und bringt das Ganze auf die Bühne mit dem Geschmack, der Musikalität, vor allem dem Selbstbewusstsein des Theatermachers, der sich und der nach Neuem gierenden Opernszene nichts mehr beweisen muss.

In Genf ist das gerade passiert.

Denn so lyrisch, so intim, so berührend in seiner Natürlichkeit, so offen und einladend zum eigenen Nach- und Mitdenken hat man den ersten Aufzug und weite Teile der folgenden «Walküre»-Akte selten erlebt. Regisseur Dieter Dorn ist das zu verdanken, der hier sein auf mehrere Monate gestaffeltes «Ring»-Projekt fortsetzt, aber auch Dirigent Ingo Metzmacher. Der macht aus akustischer Not eine Tugend: Das Grand Théâtre klingt wie unterleibslos, die satte Grundierung fehlt. Ein Haus geschaffen für Kammermusikalisches, nicht für Eruptives.

Folglich interessiert sich Metzmacher für die Feinmechanik der Partitur. «Modern», dieses Etikett wurde seiner ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Januar 2014
Rubrik: Panorama, Seite 37
von Markus Thiel

Weitere Beiträge
Schule des Mitleids

Die letzten Dinge. Haben sie eine besondere Kraft, oder neigen wir dazu, sie ihnen anzudichten? Händel konnte die Uraufführung seines letzten originalen Oratoriums «Jephtha» im Februar 1752 nur noch mit Mühe dirigieren. «He breaks very much & I think he is quite blind in one eye», beobachtete der Gelehrte James Harris. Purcell hatte 1695 noch weniger Glück mit «The...

Sprache als Klang

Die Tragödie ist so gut wie vergessen. Am 1. März 1954 geriet der japanische Fischer Aikichi Kuboyama nach einem Nukleartest der amerikanischen Marine unweit des Bikini-Atolls mit 22 anderen Seeleuten in einen radioaktiven Ascheregen. Ein halbes Jahr später war er tot. Das erste Opfer der Wasserstoffbombe. Eine Sekunde hielt die Welt den Atem an, dann ging sie zur...

Bequemschuh und Kettensäge

Mit Andrea Moses in Stuttgart und Christof Loy an der Deutschen Oper Berlin haben fast gleichzeitig zwei Regisseure zu Verdis «Falstaff» gegriffen, die bisher nicht gerade als Komödianten hervorgetreten sind. Verdis bitterböses Weltabschiedswerk mit seiner verführerischen Mischung aus schauspielhaftem Tempo und musikalischer Beweglichkeit ist szenisch schwer zu...