Gefühlsstau in der Warteschleife
Bevor Daniel Barenboim ihn gefragt habe, ob er sich vorstellen könne, in Bayreuth «Tristan und Isolde» zu inszenieren, verriet Heiner Müller vor zwölf Jahren in einem Gespräch mit dieser Zeitschrift (siehe OW 9/93), sei Patrice Chéreau für den Job vorgesehen gewesen. Der jedoch habe abgelehnt: «Tristan» könne man nicht inszenieren, das sei «ein Hörspiel».
In der Tat: Unter allen Werken Wagners ist das psychologische Kammerstück um die verbotene, verdrängte, letale Liebe zwischen der irischen Königstochter und dem keltischen Königsneffen das einzige, in dem kaum etwas passiert. Innerer Monolog statt nach außen drängende Tat, Reflexion statt Aktion, Fieberträume statt kalkulierender Durchblick – Wagners handlungsarme «Handlung in drei Aufzügen» stellt schier unlösbare Aufgaben an die Regie. Das war 1865, im Jahr der Münchner Uraufführung, schon so, und es ist in unseren Tagen nicht anders.
Zuletzt hatten Luk Perceval in Stuttgart, Joachim Schlömer in Hannover und Peter Sellars in Paris versucht, das affektive Dauerdelirium der beiden Hauptfiguren in den Griff zu bekommen – und dabei letztlich die gleiche Erfahrung gemacht, die Heiner Müller bei seinem Gig auf dem Grünen Hügel 1993 ...
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