Bezaubern, berühren, bewegen
Während Händel- und Vivaldi-Recitals boomen, hat die noch immer unterschätzte französische Barockoper auch hier das Nachsehen. Ihr theatrales Gesamtkunstwerk aus Aktion, Gesang und Tanz eignet sich weniger zur vokalen Selbstdarstellung als die italienische Seria mit ihren virtuosen Abgangsarien, und für den gegenwärtige Counter-Hype liefert sie kein Stimmfutter.
Dabei ist es gerade die Vielfalt ihres poetisch-deklamatorischen Gesangs – pathetische Monologe, melancholische Klagen und tänzerisch beschwingte Airs –, mit der sie sich von der im übrigen Europa dominierenden Seria abhebt. Zwei neue Konzeptalben erkunden jetzt ihre facettenreiche Vielfalt.
Reinoud van Mechelen widmet die erste Folge seines auf drei CDs geplanten Überblicks über die Haute-Contre-Stimme Louis Gaulard Dumesny, jenem von Lully ausgebildeten Spätberufenen, der ursprünglich Koch und dann von 1676 bis 1699 Star der Pariser Oper war. Im Unterschied zum Countertenor, der im Falsett singt, handelt es sich beim Haute-Contre um einen hohen Tenor, der mit der Bruststimme oder der Voix mixte mühelos das hohe C erreichen konnte, auch wenn Lully es selten forderte. Mechelens überlegt komponiertes Programm gibt einen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Januar 2020
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 22
von Uwe Schweikert
Schon in wilhelminischer Zeit, lange vor der sogenannten sexuellen Revolution der 1960er-Jahre, gab es Bestrebungen, die prüde Leibfeindlichkeit der katholischen Kirche durch Propagierung einer neuen Freikörperkultur zu überwinden. Auch die 1916 bis 1924 entstandene und 1926 in Warschau erstmals vorgestellte Oper «Król Roger» von Karol Szymanowski kreist um diese...
Der 1724 entstandene «Tamerlano» ist Händels finsterste, kühnste Oper, ihr Ausgangspunkt ein historisches Ereignis: der Kriegszug des Mongolen-Khans Tamerlan, der 1402 den türkischen Sultan Bajazet besiegte und diesen dann in einem Käfig mit sich führte. Der amerikanische Regisseur R. B. Schlather und sein Bühnenbildner Paul Steinberg greifen diesen Ausgangspunkt...
Hans Falladas 1937 veröffentlichter Roman «Wolf unter Wölfen» spielt im Inflationsjahr 1923. Ein Buch der Unruhe, das in vielen Strängen vom Chaos jener Zeit erzählt. John von Düffel hat den Stoff zu einem Libretto verdichtet, Søren Nils Eichberg im Auftrag des Koblenzer Theaters die Musik dazu geschrieben. Vor zwei Jahren wurde am gleichen Ort Eichbergs...
