Geburt eines neuen Seins
Bürgt der Volkston in den «Wunderhorn»-Texten für eine leichtere Umsetzung in Musik?
H. R.: Ja, denn er bietet dem Komponisten mehr Raum als ein Gedicht aus der Kunstlyrik, das in sich viel strenger gefügt ist. Beim «Wunderhorn» haben wir diese Sprünge, die die Texte machen, bei denen also, verglichen mit ihren Vorlagen, manchmal ganze Strophen ausgelassen werden, so dass der Sinnzusammenhang teilweise nur schwer zu erschließen ist. Genau das aber bietet dem Musiker einigen Freiraum.
Ein zweiter Punkt: Viele dieser Texte stammen aus der Gesangsüberlieferung, sie enthalten bereits eine Art Grundmelodie, an die viele Komponisten ganz bewusst anknüpfen.
Was ist aus musikalischer Sicht das Unverwechselbare am «Wunderhorn»?
T. H.: Ich komme eigentlich aus rückwärtiger Sicht zum «Wunderhorn», d. h. durch die Brille Heines und Wilhelm Müllers, die beide deutlich vom «Wunderhorn» geprägt sind. So gelange ich zu einer sehr ursprünglichen Form dessen, was «Volkslied» eigentlich meint: Es ist der Versuch, in unverkünstelter, ungeschönter Weise ein bestimmtes Geschehen im Leben zum Ausdruck zu bringen. Beim Volkslied handelt es sich um einen sehr direkten Zugang zum Leben, bei dem die Emotionen ...
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