Geburt eines neuen Seins
Bürgt der Volkston in den «Wunderhorn»-Texten für eine leichtere Umsetzung in Musik?
H. R.: Ja, denn er bietet dem Komponisten mehr Raum als ein Gedicht aus der Kunstlyrik, das in sich viel strenger gefügt ist. Beim «Wunderhorn» haben wir diese Sprünge, die die Texte machen, bei denen also, verglichen mit ihren Vorlagen, manchmal ganze Strophen ausgelassen werden, so dass der Sinnzusammenhang teilweise nur schwer zu erschließen ist. Genau das aber bietet dem Musiker einigen Freiraum.
Ein zweiter Punkt: Viele dieser Texte stammen aus der Gesangsüberlieferung, sie enthalten bereits eine Art Grundmelodie, an die viele Komponisten ganz bewusst anknüpfen.
Was ist aus musikalischer Sicht das Unverwechselbare am «Wunderhorn»?
T. H.: Ich komme eigentlich aus rückwärtiger Sicht zum «Wunderhorn», d. h. durch die Brille Heines und Wilhelm Müllers, die beide deutlich vom «Wunderhorn» geprägt sind. So gelange ich zu einer sehr ursprünglichen Form dessen, was «Volkslied» eigentlich meint: Es ist der Versuch, in unverkünstelter, ungeschönter Weise ein bestimmtes Geschehen im Leben zum Ausdruck zu bringen. Beim Volkslied handelt es sich um einen sehr direkten Zugang zum Leben, bei dem die Emotionen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
«Die Rezitative sind zwar musikalisch nicht außergewöhnlich, literarisch sind sie aber von erster Güte. Auch nur ein Wort zu streichen, wäre ein barbarischer Akt. Die musikalischen Schwächen können durch einen vollendeten Vortrag wettgemacht oder durch ‹Retuschen› behoben werden. Die erstere – eine Notwendigkeit – ist Aufgabe der Sänger, die zweite – eine...
Wer Mozart lieblich, gefällig, verspielt, anmutig, gar hübsch fände, den sollte der Lortzing holen, schrieb der legendäre Wiener Publizist Hans Weigel bereits vor vierzig Jahren. Zwar tat er damit dem Komponisten der «Regina» Unrecht, doch dürfte dieser Satz bei Nikolaus Harnoncourt schon damals ein grimmiges Lächeln hervorgerufen haben. Denn der Dirigent wehrte...
Als Philip Glass 1976 mit «Einstein on the Beach» die Minimal-Music-Ästhetik in das Musiktheater einbrachte, fiel in deutschen Landen kaum auf, dass der Titel keineswegs bedeutet «Einstein am Strand», sondern so viel wie «Einstein auf der Kippe». Das war insofern bezeichnend, als Einsteins Relativitätstheorie bei Glass nichts mehr zu tun hat mit der ethischen...
