Furor und Strenge
Zur Zeit der ersten Aufführungen von Giuseppe Verdis «La forza del destino» in Petersburg (1862) und Mailand (1869, in umgearbeiteter Fassung) war das Orchestervorspiel die Schwelle zwischen der gesellschaftlichen Realität und dem ersten Sängerauftritt: Die wenig geachtete Instrumentalmusik diente der Beruhigung der erhitzten Körper und entfesselten Mundwerke; was der Komponist aus diesem akustischen Niemandsland machte, war seine Sache.
Mittlerweile hat man erkannt, dass es sich lohnt, zuzuhören, wenn Verdi in der großen nachkomponierten «Sinfonia» wesentliche Motive der Oper vorwegnimmt und ihnen ein unscheinbares Motiv aus dem 4. Akt als obsessiv kreisenden Schicksalsmotor unterlegt.
Regisseur David Pountney hat zugehört und überlegt, wie man der buntscheckigen Handlung nach dem blutigen Zeitroman des Duque de Rivas schon in der Ouvertüre ein paar rote Fäden mitgeben könnte. Pountneys Lösungen sind griffig, aber auch ein bisschen unterkomplex. Ein Todesengel im Barockkostüm tritt auf und stößt zum dreimaligen Orchesterschlag seinen Zeremonienstab eher zaghaft auf den Boden (die schlappe Geste wird auch beim wiederholten Mal nicht furchteinflößender). Den Rest besorgt ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt März 2025
Rubrik: Panorama, Seite 44
von Michael Struck-Schloen
Die Feststellung, dass Spiritualität vereint, Religion hingegen trennt, gilt nicht erst seit den verheerenden Attentaten religiöser Fanatiker in unserer Zeit. Schon immer fanden sich Konfessionen politisch missbraucht, wurden sie im Sinne von Machtgewinn und -erhaltung bewirtschaftet. Ob freilich Oliver Cromwell (1599–1658) ein Machtpolitiker war, der Gott zu...
Im oberen Fenster eines bunt bemalten Fachwerkhauses klebt ein selbstgebasteltes Pappschild: «Für die Vielfalt! Gegen rechts!». Hildesheim ist ein kleines Juwel der Fachwerkarchitektur. Neben einer mühevoll wiederaufgebauten Innenstadt, die diesbezüglich im Zweiten Weltkrieg einen großen Bestand eingebüßt hat, gibt es ganze Straßenzüge mit erhaltenen, aufwendig...
Dieser Mephisto kommt mir nicht ins Haus!», rief Bertel Braunfels, die Gattin des Komponisten, voller Vorahnung aus, als Adolf Hitler 1920 nach einem Besuch der «Vögel» an Walter Braunfels herangetreten war. Der spätere «Führer» wünschte sich eine Hymne für seine frisch gegründete Partei und hielt den Namen «Braunfels» für urdeutsch, doch der Komponist lehnte ab....
