Atemloser Sinnestaumel
Selbst für Aficionados beginnt Donizettis Karriere spät: mit «Anna Bolena», die er als 33-Jähriger Ende 1830 in Mailand herausgebracht hatte. Von den etwa 30 Opern vor 1830 ist heute nur eine einzige präsent: «Viva la mamma». Dabei hat die Forschung immer wieder auf die Bedeutung einer Partitur hingewiesen, die am Neujahrstag 1828 in Neapel Premiere hatte: «L’esule di Roma».
Deren wichtigste Partie ist dem Opernsänger Luigi Lablache (später der erste Don Pasquale) auf die Stimmbänder geschrieben: ein an sich selbst zweifelnder Vater, der im antiken Rom den Verlobten der eigenen Tochter in den Untergang getrieben hat. Donizetti lotet in dieser Partitur nicht nur die Abgründe einer als incerto e tremante, als «unsicher und zitternd» beschriebenen Figur aus. Das unerwartete Wiedersehen des Liebespaars manifestiert sich in einem atemlosen Sinnestaumel, der in ähnlichen Szenen des jungen Verdi nachklingen wird. Den ersten Akt schließt Donizetti nicht mit einem monumentalen Finale, sondern mit einem Terzett ohne jede Beteiligung des Chors. Dessen atemberaubende Raffinesse lohnt allein die Wiederentdeckung des Stücks: Vater Morena, Tochter Argelia und ihr Settimio stammeln jeder für sich ...
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Opernwelt Juli 2024
Rubrik: CD, DVD, Buch, Seite 33
von Anselm Gerhard
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