Für einen Moment Glück
Bäume? Sucht man vergebens. Ameisenhügel, Haselnüsse, Tannenzapfen? Fehlanzeige. Vogelgezwitscher? Hört man nur im Orchester, dort aber überaus erquicklich und auch in der Folge in glücklichster Trennschärfe; die Kammerfassung von Jonathan Dove ist wirklich famos und wird von Marko Letonja, Bremens neuem GMD, exakt auch so dirigiert. Auf der Bühne aber ist die Natur abwesend. Vor uns eine schmucklose Manege, die sich schräg nach vorne neigt, wie eine Rutschbahn (des Lebens), und so gut wie keinen Halt bietet, in der Mitte eine einsame, hässliche Metallstange.
Auch die «Blaue Libelle» flattert nicht umher, sondern windet sich in Gestalt einer Vertikaltuchakrobatin (Nina Ronge) schlangengleich nur um geknotetes Leinen: turnerisch anmutige Vorführung als Surrogat für ein Waldleben, das es so nicht mehr gibt. Welt, bist du wirklich so leer und kalt?
Natürlich nicht. Doch gleich mit dem ersten Bild entscheidet sich Tatjana Gürbaca dafür, Janáčeks Musiktheater mit dem nach wie vor falschen Titel «Das schlaue Füchslein» (wörtlich übersetzt müsste es «Die Abenteuer der Füchsin Bystrouschka» heißen) nicht als bunte Fabel, sondern als Parabel zu erzählen. Menschen und Tiere sind Menschen. ...
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Opernwelt Dezember 2021
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Jürgen Otten
Zur Hochzeit der Opera seria in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gehörte Giuseppe Maria Boschi zu ihren erfolgreichsten Interpreten. Nachdem er 1710/1711 in London erstmals in Opern Georg Friedrich Händels gesungen hatte, ging er 1717 mit dem Komponisten Antonio Lotti an den Dresdner Hof, von wo ihn Händel erneut für die Royal Academy of Music abwerben...
Ein Mensch, allein wie weiland Ariadne auf Naxos, fremd geworden unter Menschen, nach Heimat suchend unter Tieren und Pflanzen. Vermag ihm die Natur zu antworten oder nicht? Für diese zwiespältige Erfahrung halten viele musikalische Werke eine starke Übersetzung bereit: den Dialog zwischen der menschlichen Stimme und einem Instrument, das, ebenso wie die Natur,...
Verdis «Don Carlos» ist immer eine vertrackte Sache. Entscheidender noch als die musikphilologisch exakte Befolgung einer wie auch immer authentischen «Ur»-Fassung ist die Wahl der Sprache. Da kommt man heute, will man sich ernsthaft auf die von Verdi gelegte Struktur des Werks einlassen, um das Französische (und damit um die fünfaktige Anlage) nicht mehr herum....
