Fremd sind wir uns selbst
Kann man dem Mythos von Medea, der über Jahrhunderte immer wieder musikalisch gedeutet wurde, noch eine eigene Lesart abgewinnen? Die Stuttgarter Uraufführung «Fremd» gibt als Antwort ein überraschend eindeutiges Ja. Hans Thomalla hat mit Grillparzers Trilogie «Das goldene Vließ» denselben Ausgangspunkt gewählt wie Aribert Reimann 2010 und schreibt – in der Nachfolge von Nono und Lachenmann – ein konzeptionelles Musiktheater, das mit dem Stoff zugleich dessen paradigmatische Bedeutung für die abendländische Kultur ins Zentrum rückt.
«Fremd» erzählt mehr als nur eine Liebesgeschichte mit tödlichem Ausgang. Es geht um die Konfrontation zweier einander entgegengesetzter Erfahrungs- und Ausdruckswelten: Natur und Begriff, Frau und Mann, autonomes Subjekt und logozentrische Vernunft. Die Texte hat Thomalla sich aus unterschiedlichen Vorlagen herausgebrochen, aber nicht im traditionellen Sinn vertont, sondern gleichsam musikalisch überschrieben.
Die erste Station zitiert, mit der «Argonautika» des hellenistischen Epikers Apollonios, den Raubzug der Griechen nach Kolchis: ein Heldenkatalog der wie aus einem Armeebericht namentlich verlesenen 32 Abenteurer, die von der Musik für Momente aus ...
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Opernwelt August 2011
Rubrik: Im Focus, Seite 18
von Uwe Schweikert
Es war ohne Frage eine glänzende Spielzeit des Théâtre de la Monnaie in Brüssel: beginnend mit Janáceks «Katja Kabanova» (inszeniert von Andrea Breth), fortgesetzt mit «Parsifal» (bei dem Roberto Castellucci sein Operndebüt gab und Hartmut Haenchen dirigierte) bis hin zu diesem Finale: Meyerbeers «Les Huguenots» in einer Fassung, wie sie selbst der Komponist so...
Die Werkgeschichte ist so kompliziert wie die Zeit, in der Schostakowitschs Oper «Lady Macbeth von Mzensk» zur Welt kam. Nach der Premiere 1934 wurden im Folgejahr die ersten (Text-)Änderungen vorgenommen, bevor die Oper nach dem Prawda-Aufsatz «Chaos statt Musik» erst einmal auf dem Index landete und erst 30 Jahre später in einer von Schostakowitsch weiter...
In grünen Laborkitteln und mit Schutzbrillen bewehrt fummeln die Nornen hilflos an den Kabeln irgendeines Computernetzwerks herum; Gutrune lümmelt mit Hagen auf einem Bett und versucht, dem Fernseher mit einer kaputten Fernbedienung ein Bild zu entlocken; Brünnhilde hat zwei linke Füße und wird – in unförmigem Abendkleid wie eine Bauersfrau wirkend, die sich für...
