Fragilität und Fülle
Bleich sieht er aus, wenn er so in die Leere starrt. Leise tönt seine Stimme. Mehr singt es aus ihm, als dass er die Initiative ergreifen würde. A-Dur ist plötzlich eine fahle, weiße Tonart und «Là ci darem la mano» alles andere als eine Verführungsnummer. Don Giovanni holt seine Gedanken aus weiter Ferne. Mit der kleinen, drallen Zerlina jedenfalls, deren Augen seinen Blick suchen, haben sie nichts zu tun. Und dann gibt er sich einen Ruck, schaut sie an – und lässt sich von ihr verführen.
Denn das ist seit jeher sein Geheimnis gewesen: dass er nicht den dämlichen Sexprotz gegeben hat mit praller Hose und leerem Kopf, sondern dass er den Frauen gezeigt hat, was sie mit ihm machen, dass er sich fallen ließ in ihre Blicke, ihre Düfte, ihre abwehrende Bereitschaft. Indem er sie zu Siegerinnen erhob, sicherte er sich den Sieg.
Im zweiten Akt gibt es dann doch ein Liebesduett, und wieder heißt die Tonart A-Dur. Nur dass Don Giovanni dieses A-Dur sofort ins Dominantische und bisweilen auch ins Mediantische überhöht. Jetzt schwelgt und schmachtet er und zeigt seinem Diener, wie das geht. Doch es sind die Töne einer echten, alten Beziehung, die hier klingen. Donna Elvira war Giovannis ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juli 2014
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Stephan Mösch
Kurz vor der Uraufführung seines «Wölfli-Liederbuchs» meldete sich Wolfgang Rihm mit einer Bitte an die Interpreten zu Wort: Die sieben Stücke sollten «in dynamische Extreme» geführt werden; «wenn dasteht fffpppfff, ist das physische Zuckung ... Ich stelle mir das Ganze vor: karg und glühend, eisig heiß, winterlich ohne Naturbild». Was der damals (1981) 29-Jährige...
Man muss kein Kinderhasser sein, um die Geschichte von der «Frau ohne Schatten» schwer verdaulich zu finden. Selbst wer das Drama des unerfüllten Kinderwunsches ernst nimmt, kann sich überlastet fühlen, wenn zum Schluss der Richard-Strauss-Oper der Chor der Ungeborenen seine Stimme erhebt. Regisseure flüchten da gern mal in die Ironie und lassen die Kinderwagen...
Diese Salzburger Werke-Ambition klingt nach ihm. «Jonny spielt auf», «Pilger von Mekka», «Eugen Onegin», «La clemenza di Tito»: Das hätte einst auch Gerard Mortier zu einer Sommersaison zusammenschnüren können. Doch verantwortlich dafür sind andere. Jene, die sich gegen die übermächtigen und ständigen (ob im Januar, zu Ostern, Pfingsten oder im August)...
