Flucht nach innen
«Ohne die Corona-Pandemie und den Lockdown im Frühjahr 2020 gäbe es diese Aufnahmen nicht», sagt Hanna Herfurtner in einem im Booklet ihrer CD abgedruckten Gespräch mit dem Tonmeister Johannes Kammann. Die Sopranistin macht ihre existentiellen Erfahrungen mit der erzwungenen Isolation zum Thema ihres Konzeptalbums. Das Nachdenken über das Leben wird zum Nachdenken über die Musik und ihre Bedeutung für das Leben.
Ausgangspunkt ist ein Stück des amerikanischen Minimalisten Alvin Lucier, «I am sitting in a room» für Stimme und elektromagnetisches Tonband, das auf höchst simple, zugleich magische Weise die Isolation hörbar macht. Die Ausführende sitzt allein in einem Raum und nimmt ihre Stimme auf. Sie spricht einen Text, der wie eine Gebrauchsanweisung beschreibt, was sie gerade macht – nämlich diesen Text auf Band aufzuzeichnen. Die Aufnahme wird über Boxen im Raum abgespielt und als Playback wiederaufgezeichnet, insgesamt 32-mal, wobei sie mehr und mehr von den Resonanzfrequenzen des Raums überlagert und transformiert wird. Schnell verliert die Sprache ganz ihre Bedeutung. Der Raum selbst beginnt leise zu klingen, zu flirren, flüstern, raunen und zu dröhnen, um sich am Ende in ein ...
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Opernwelt September/Oktober 2021
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 58
von Uwe Schweikert
«Allons gay gayment», «Auf geht's fröhlich», beginnt die Sängerrunde mit einer Chanson von Claude Le Jeune. Und klar: Wir folgen auch diesmal gern, wenn William Christie mit seinen Les Arts Florissants in der nun schon dritten CD die Kunst der Airs de cour erkundet, die als höfische Liedform Frankreich von der zweiten Hälfte des 16. bis zur Mitte des 17....
Wirklich furchterregend ist das Biest, das da, aus der Bühnentiefe des Festspielhauses geschlüpft, über einen hinwegbraust, auf mächtigen Schwingen, mit grünem Schuppenkleid und einem Maul voll gezackter Zähne, aus dem Feuerstrahlen schießen. Wie sich halt Richard Wagner seinen Drachen dachte, der schon zur Uraufführung des «Siegfried» nur unvollständig realisiert...
Die Premiere von Rossinis «Il turco in Italia» am 22. Februar 2020 war die letzte Vorstellung an der Scala, bevor das Theater zur Abwehr der Coronae-Pandemie geschlossen wurde. Rossini besingt ein idyllisches Bella Italia – «dich liebt der Himmel und die Erde!» Dagegen war am Tag der Premiere 60 Kilometer entfernt, in dem, was die Italiener habsburgisch «il...
