Flucht nach innen

Alvin Lucier bringt den Raum, Bach die Seele zum Klingen. Ein Konzeptalbum mit Hanna Herfurtner

Opernwelt - Logo

«Ohne die Corona-Pandemie und den Lockdown im Frühjahr 2020 gäbe es diese Aufnahmen nicht», sagt Hanna Herfurtner in einem im Booklet ihrer CD abgedruckten Gespräch mit dem Tonmeister Johannes Kammann. Die Sopranistin macht ihre existentiellen Erfahrungen mit der erzwungenen Isolation zum Thema ihres Konzeptalbums. Das Nachdenken über das Leben wird zum Nachdenken über die Musik und ihre Bedeutung für das Leben.

Ausgangspunkt ist ein Stück des amerikanischen Minimalisten Alvin Lucier, «I am sitting in a room» für Stimme und elektromagnetisches Tonband, das auf höchst simple,  zugleich magische Weise die Isolation hörbar macht. Die Ausführende sitzt allein in einem Raum und nimmt ihre Stimme auf. Sie spricht einen Text, der wie eine Gebrauchsanweisung beschreibt, was sie gerade macht – nämlich diesen Text auf Band aufzuzeichnen. Die Aufnahme wird über Boxen im Raum abgespielt und als Playback wiederaufgezeichnet, insgesamt 32-mal, wobei sie mehr und mehr von den Resonanzfrequenzen des Raums überlagert und transformiert wird. Schnell verliert die Sprache ganz ihre Bedeutung. Der Raum selbst beginnt leise zu klingen, zu flirren, flüstern, raunen und zu dröhnen, um sich am Ende in ein ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt September/Oktober 2021
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 58
von Uwe Schweikert

Weitere Beiträge
Grenzenlos schön

Eine Stimme, die singt – nichts weiter. Aber was und wie sie singt, verführt in Luciano Berios abstrakt-wortlosem akustischem Theater «Sequenza III» den Hörer. Töne entstehen aus Mundgeräuschen, verschwinden, überlagern sich, die Palette der Laute reicht vom Stöhnen und Keuchen, Lallen und Schnalzen, Flüstern und Schreien, Lachen und Weinen bis zum Sprechen und...

Donners Rache

Wenn ein «Rheingold»-Mime nur sein «Nehmt euch in acht! Alberich naht» singen darf, wenn Donner und Froh gestrichen, die Nibelungen mit einem einzigen Schrei vom Band präsent und alle Szenen so drastisch gekürzt sind, dass dramaturgisch und musikalisch nur mehr teils abrupt aufeinander folgende Kernstücke übrig bleiben, dann muss wohl in den Tiefen des Rheins, den...

Gladiatorenschurz und Clownsnase

Vor 75 Jahren, ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs, ließen im Sommer einige Kulturhungrige am Bodensee nahe dem Ufer in Ermangelung einer intakten Spielstätte zwei Kieskähne zusammenspannen: Auf dem einen saß das Orchester, auf dem anderen agierten Sänger und Tänzer, gegeben wurden Wolfgang Amadé Mozarts Schäferspiel «Bastien und Bastienne» sowie als Ballett...