Fliehende Zeit
Thornton Wilder veröffentlichte 1931 seinen Einakter zum Fest: «The Long Christmas Dinner». Darin bringt er ein Weihnachtsmenü auf den Tisch, das, streng genommen, neunzig Jahre dauert. Hier werden Handlungen, Ereignisse, Stimmungen eines knappen Jahrhunderts mosaikartig zusammengetragen; während die Ahnen auf der einen Seite die Bühne verlassen, kommen ihre Nachfahren von der anderen hereinspaziert. Dank dieser klugen Montagetechnik erleben wir die Jahre im Eiltempo.
Paul Hindemith lernte dieses Werk gegen Ende der fünfziger Jahre kennen, fand es aber in der vorliegenden Form für eine Vertonung ungeeignet. Er wandte sich an den Autor und bat ihn um eine operntaugliche Bearbeitung. Wilder stimmte zu. Hindemith entwickelte daraufhin einen Fahrplan, eine Strukturskizze, in der er festlegte, wo er sich Platz für Duette oder Terzette wünschte bzw. wo er Textpassagen für überflüssig hielt. Nachdem Wilder diesen Wunschzettel umgesetzt hatte, schrieb Hindemith in nur drei Monaten die komplette Partitur.
Es hat mehr als vierzig Jahre gedauert, bis die erste Einspielung dieser Dreiviertelstundenoper auf Tonträger vorgelegt werden konnte. Wieder einmal hat sich ein Orchester des ...
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Die Selbstverständlichkeiten zuerst: Natürlich gibt es wieder viel entblößtes Fleisch zu besichtigen in Calixto Bieitos jüngster Regiearbeit. Visuelle Drastik, ein brachialer, unnachgiebig auf kathartische Schockwirkung setzender kritischer Realismus – diese Essenzen des Bieito-Stils prägen auch bei «Wozzeck» im Haus an den Ramblas die Szene. Da macht sich...
Tito liebt Berenice, muss aber aus Gründen der Staatsräson auf sie verzichten. Sesto, Titos engster Freund, ist Vitellia hörig. Für diese aber, die Tochter des gestürzten Imperators Vitellius, ist Liebe eine kalte Zweckbeziehung – sie möchte auf den Thron, einerlei ob durch die Heirat mit Tito oder einen erfolgreichen Umsturzversuch Sestos. Die Rede ist von...
Puccini muss erst einmal warten. Denn um ihn ging es bei der Premiere des «Trittico» an der Deutschen Oper Berlin zunächst gar nicht. Im Vordergrund stand das gesellschaftliche Ereignis: So viel Prominenz aus Politik und Kultur findet sich in der Oper nur selten ein. Sogar der Bundespräsident hatte sich die Ehre gegeben. Es ging nicht zuletzt um die Frage, ob die...
