Fliehende Zeit
Thornton Wilder veröffentlichte 1931 seinen Einakter zum Fest: «The Long Christmas Dinner». Darin bringt er ein Weihnachtsmenü auf den Tisch, das, streng genommen, neunzig Jahre dauert. Hier werden Handlungen, Ereignisse, Stimmungen eines knappen Jahrhunderts mosaikartig zusammengetragen; während die Ahnen auf der einen Seite die Bühne verlassen, kommen ihre Nachfahren von der anderen hereinspaziert. Dank dieser klugen Montagetechnik erleben wir die Jahre im Eiltempo.
Paul Hindemith lernte dieses Werk gegen Ende der fünfziger Jahre kennen, fand es aber in der vorliegenden Form für eine Vertonung ungeeignet. Er wandte sich an den Autor und bat ihn um eine operntaugliche Bearbeitung. Wilder stimmte zu. Hindemith entwickelte daraufhin einen Fahrplan, eine Strukturskizze, in der er festlegte, wo er sich Platz für Duette oder Terzette wünschte bzw. wo er Textpassagen für überflüssig hielt. Nachdem Wilder diesen Wunschzettel umgesetzt hatte, schrieb Hindemith in nur drei Monaten die komplette Partitur.
Es hat mehr als vierzig Jahre gedauert, bis die erste Einspielung dieser Dreiviertelstundenoper auf Tonträger vorgelegt werden konnte. Wieder einmal hat sich ein Orchester des ...
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Wenn Zürich jetzt Händels «Orlando» von 1733 herausgebracht hat, wünscht man sich, dass Alexander Pereira die beiden anderen Händel-Opern nach Ariost, nämlich «Ariodante» (1734) und als Wiederaufnahme «Alcina» (1735) folgen lassen möge, um alle drei dann zu einer Trilogie zusammenzuschließen (nach dem Vorbild der Zürcher römischen «Kaiser»-Trilogie mit Monteverdis...
Die Bühne der Nederlandse Opera zeigt die Welt als große Animal Farm, mit mehr Tieren, als der Komponist je hätte vertonen können. Nicht nur Füchse, Dackel, Mücken, Frösche und Grillen, sondern auch Pferde, Schweine, Marienkäfer, Raupen und Fliegen treten auf. Alle sind in sehr fantasievolles Outfit gekleidet, das gleichzeitig an Mensch und Tier erinnert. Der...
Herr Dusapin, für Ihr «Faustus»-Libretto haben Sie aus vielen literarischen und anderen Quellen geschöpft. Der wichtigste Pate Ihrer Textcollage ist aber der englische Shakespeare-Zeitgenosse Christopher Marlowe. Wie kam es zu dieser Wahl?
Ich wollte Anfang der neunziger Jahre eigentlich über einen Text von Gertrude Stein arbeiten: «Doctor Faustus Lights the...
