Familientragödie
Das Bild könnte trostloser kaum sein: eine junge Braut, allein am lieblos gedeckten Tisch, im hochgeschlossenen, schwarzen Kleid, mit bleichen Wangen, den Blick ins Irgendwo gerichtet. Wie eine leere Hülle sitzt da die schöne Jenufa, schutzlos und scheu, aber es scheint, als würde sie von dem, was um sie herum geschieht, gar nichts mehr mitkriegen. Als sei sie innerlich bereits tot.
Gäbe es nicht die kaleidoskopische Musik, man wähnte sich spätestens jetzt in einem Stück von Ibsen, wiewohl mit parabelhaft-proletarischem Einschlag.
Exakt in diese Richtung steuert Ingo Kerkhof in seiner konzentriert-elaborierten Wiesbadener Inszenierung. Er sucht erst gar nicht nach planer Verheutigung oder nach Ideenansätzen, die tagespolitische Aktualität simulieren. Kerkhof bleibt ganz eng beim Stoff, in dessen temporärer Verortung, in seinem trist-trüben Kern. Der Prolog zeigt es: Noch bevor Generalmusikdirektor Patrick Lange den Taktstock hebt, wird in einer fünfminütigen, durch leise Folklore vom Band begleiteten Szene die komplexe Genealogie der Buryjas im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts aufgeblättert. Dem Regisseur geht es in erster Linie nicht um soziale Schieflagen, er liest das Stück ...
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Opernwelt Januar 2019
Rubrik: Panorama, Seite 49
von Jürgen Otten
Ach ja, die Liebe. Eine haarige Angelegenheit, heute mehr denn je. Die allesverschlingenden Märkte haben auch diese schönste Hauptsache der Welt amalgamiert; Gefühle sind im Wesentlichen ersetzt durch Akkumulation von Kapital, welches sie, als materialistische Konstante, darstellen. Der Planet bevölkert von lauter entfremdeten Konsumaffen, deren einziges Bestreben...
Ein «begnadeter Zauderer» sei er, ein «Moralist der Kunst», ein «Grübler und Skeptiker, der alles, was er singt, hinterfragt – auch und vor allem sich selbst und seinen Gesang». Mit diesen Worten hat der Germanist Dieter Borchmeyer vor neun Jahren in einer Laudatio die Persönlichkeit Christian Gerhahers umrissen (siehe OW-Jahrbuch 2010). In der Tat: Es gibt...
Die Terroristin trägt Prada. Schulterfrei. Lang, in eleganten Wellen, fließt die glutrote Seide an Medeas Körper herab, schmückt sie mit majestätischer Aura. Doch wie anders ist das Empfinden der gottgleichen Zauberin. Diese Frau, in deren Leben seit jeher die großen, gemischten Gefühle dominierten, ist nun durchglüht von heiligem Zorn. Zorn auf die Welt, auf die...
