Es ist genug!

Intendant Andreas Homoki verabschiedet sich aus Zürich mit einer fulminanten Inszenierung von Mendelssohn Bartholdys Oratorium «Elias», Christian Gerhaher in der Titelpartie ist ein Ereignis

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Plötzlich wird es ganz unheimlich. Eine weiße Gestalt kommt die Himmelsbrücke hinab, ein Abgesandter des Herrn: Auf ihn ist Verlass, so verspricht das solistische Vokalquartett, denn «keiner wird zu Schanden, der seiner harret». Und wer da mit allen Fasern seines Herzens auf den Herrn wartet, ist der Prophet Elias, der seinen Gott vertrauensvoll beschwört – «der du deine Diener machst zu Geistern und deine Engel zu Feuerflammen, sende sie herab!» Ganz dunkel und still wird es da auf der Bühne – Geisterstunde. Und da hinein prasselt das Feuer.

Doch nicht visuell, sondern allein in den auflodernden Gesangsstimmen des Chors. Bild -liche Entsprechung findet diese urgewaltige Musikszene in einer schlichten Kerze. Sie entzündet sich selbst, nachdem sie der abtrünnige König Ahab unters Volk gebracht hat, wo sie von Hand zu Hand weitergereicht wird, ohne je ein Leuchtsignal zu geben. Auf die immer lauter und verzweifelter werdenden Rufe «Baal, erhöre uns!» tut sich – nichts. Die ausbleibende Antwort des falschen Gottes äußert sich in musikalischen Pausen. Eigentlich müssten sie bis kurz vorm Zerreißen ausgehalten werden, doch im Turbo-Modus des Dirigenten bleibt dafür, zumindest in der Premiere, kaum Zeit.

Intendant und Regisseur Andreas Homoki hatte seinen Generalmusikdirektor Gianandrea Noseda für seine Abschiedsinszenierung am Zürcher Opernhaus zu einem letzten Abenteuer verdonnert, der szenischen Aufführung von Felix Mendelssohns Oratorium «Elias». Und wie nicht anders zu erwarten, nahm sich Noseda der Aufgabe mit dramatischem Opernfuror an. So könnte es damals geklungen haben, 1846 bei der Uraufführung in Birmingham, als weit über 100 Orchestermusiker und an die 300 Choristen und Solisten vor 2000 Zuhörern ein echtes Event kreierten. Nie sei ein Stück bei der ersten Aufführung «so vortrefflich gegangen (…) und so begeistert aufgenommen worden», schreibt Felix seinem Bruder Paul hinterher.

Ein ähnliches Hochgefühl stellt sich auch in Zürich ein. Zum einen wegen der Musik an sich, zum anderen wegen der Haltung ihr gegenüber. Wie befreit aus allen Klischees und Rezeptionskonstanten mit den unausrottbaren Vorbehalten ersteht dieser «Elias» als jenes Werk, das Mendelssohn nie schreiben konnte – als Oper. Mit der Geschichte des Propheten aus dem Alten Testament hatte der Komponist, ohne es selbst zu registrieren, sein Opernsujet gefunden. Und man kann nur spekulieren, ob ihn die Umarbeitungen nach der Uraufführung bei längerer Lebenszeit nicht sogar auf die Idee gebracht hätten, das Oratorium in eine szenische Fassung zu bringen – dem allerdings stand seine Liebe zur Sängerin Jenny Lind im Wege, für die er seine längst aufgegebenen Opernpläne wieder in Angriff nahm.

Aufgeräumt wird nun in Zürich auch mit der immer noch weit verbreiteten Ansicht, der zweite Teil des «Elias» falle gegenüber dem ersten ab. Keine Spur! Zumal hier tatsächlich eine spektakuläre Feuersäule entflammt, stellvertretend für den «feurigen Wagen mit feurigen Rossen», der Elias zu Gott holt – und Mendelssohn con fuoco bei sich selbst ankommen lässt. Beim rhythmischen Schwung und der orchestralen Wucht des Schluss -chors (währenddessen geht im Zuschauerraum das Licht an) muss man sich zügeln, nicht mitzusingen oder mit Felix gleich «hoch in die Höhe» zu springen; so wie er es selbst bei der Arbeit am «Elias» tat, wenn es ihm «gar so gut zu werden schien».

Dass auch die Aufführung «gar so gut» geraten würde, garantieren zwei Voraussetzungen: ein phantastischer Chor und ein Sänger der Luxusklasse für die Titelrolle. Beide leisten in der ab -strakt gehaltenen Inszenierung von Homoki Außergewöhnliches. Chor und Zusatzchor der Oper Zürich begannen ihre Probenarbeit mit Ernst Raffelsberger schon im Februar, sodass sie jetzt glänzend auf die komplizierten Bewegungsabläufe im Zusammenspiel mit dem rotierenden Bühnenbild von Hartmut Meyer eingestellt sind. Homoki erlaubt dem Chor nur selten einen Abgang, beleuchtet vielmehr seine unterschiedlichen Funktionen, ähnlich den Turba-Chören aus Bachs «Matthäus-Passion»; er zeigt ihn als wankelmütige, manipulierbare Masse, als verfluchtes Volk und gottesfürchtige Gemeinde, als Aggressor und Visionär, ebenso hilflos und überfordert wie dankbar. Und da der erste Teil des «Elias» mit dem Regenwunder zu Ende geht, trägt der Chor schon mal prophylaktisch Trenchcoats (Kostüme: Mechthild Seipel). Der Prophet steckt in salopper grauer Hose und schwarzem Pullover: Es ist der Bariton Christian Gerhaher, schon öfters zu Gast in Zürich und Homokis absoluter Favorit. Mit ihm wollte er seine Intendanz beschließen, sagt er im Gespräch mit dem Dramaturgen Claus Spahn. Und Gerhaher stellt den Elias nicht einfach dar: Er lebt ihn mit ungeheurer Ausdruckskraft, eine seelische wie intellektuelle Auseinandersetzung mit dieser biblischen Gestalt (konzertant hat er sie sich längst einverleibt). Prophet sein, so Gerhahers Exegese, ist eigentlich ein Martyrium. Mit einer Stimme zum Fürchten verkündet er noch vor der Ouvertüre, allein auf der Bühne, die Klimakatastrophe: «Es soll diese Jahre weder Tau noch Regen kommen, ich sage es denn.» Selbstherrlichkeit und Herrlichkeit Gottes fallen bereits hier zusammen, und Elias bleibt in der Einsamkeit des ersten Auftritts das gesamte Stück hindurch gefangen: zweifelnd an sich und Gott und dessen Volk, fanatisch in seiner Rolle als stellvertretender Richter Gottes (Mendelssohn schreibt ihm dafür die grandiose Rachearie «Wie ein Hammer, der Felsen zerschlägt»), immer wieder obsessiv anklagend und schließlich lebensmüde in der herzzerreißenden Arie «Es ist genug!», mit der Mendelssohn absichtsvoll auf die Jesus-Arie aus Bachs «Johannes-Passion» anspielt (einschließlich des Solo-Cellos). Trost erfährt Elias vor allem durch die wunderbare Altstimme von Wiebke Lehmkuhl, die ihm als geflügelter Engel das Gottvertrauen zurückgibt und in dessen Schoß er endlich Schlaf findet.

Doch Homoki hat seinem Elias noch einen eigenen Schutzengel beigegeben. Wir kennen ihn schon als die weiße Gestalt, der Sylwia Salamońska ihre knabenhafte Sopranstimme gibt. Ist sie die Seele des gestorbenen Kindes, das Elias in seinem ersten Wunder wieder zum Leben erweckt hat, und die sich schon vom Körper losgelöst gen Himmel aufgemacht hat? Für Homoki hat diese Figur allerdings noch eine übergeordnete Funktion, sie verknüpft nämlich die beiden Teile des «Elias» an ihren reziproken Schlüsselstellen: Sie erscheint im Moment von Elias’ höchster Kraftanstrengung für das Feuerwunder (das Quartett «Wirf dein Anliegen auf den Herrn») und nach seiner tiefsten Verzweiflung (das Terzett «Hebe deine Augen zu den Bergen, von welchen dir Hilfe kommt») wie ein lebendiger Gottesbeweis: Ich bin da. Eine Mendelssohn-Großtat.

Mendelssohn Bartholdy: Elias ZÜRICH | OPERNHAUS 
Premiere: 9. Juni 2025
Musikalische Leitung: Gianandrea Noseda
Inszenierung: Andreas Homoki
Bühne: Hartmut Meyer
Kostüme: Mechthild Seipel
Licht: Franck Evin
Chor: Ernst Raffelsberger
Solisten: Christian Gerhaher (Elias), Julia Kleiter (Witwe), Wiebke Lehmkuhl (Engel), Mauro Peter (Obadjah), Felix Gygli (Bass), Raúl Gutiérrez (Ahab/Tenor 2), Sylwia Salamońska (Knabe), Indyana Schneider (Königin/Alt 2), Flavia Stricker (Sopran 2), Max Bell (Bass 2)


Opernwelt August 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Lotte Thaler

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