Erste Träume, letzte Dinge
Die Titel-Nummer steht am Ende: «Morgen» nennt die französisch-dänische Sopranistin Elsa Dreisig ihr neues Album nach dem Lied von Richard Strauss (aus op. 27). Das Lied erklingt nach jenem, dem tröstenden Lerchenabgesang zum Trotz doch sehr im Vagen (Elysium? Nirvana? Nichts?) verbleibenden «Im Abendrot» aus den «Vier letzten Liedern». Die Zeile «Und morgen wird die Sonne wieder scheinen» mag gerade in den gegenwärtigen Krisenzeiten Hoffnung vermitteln, nicht nur dem Trauernden Zuversicht geben.
Dass eine junge Sängerin derlei letzte Einsichten weiterzugeben sucht, erscheint dennoch ungewöhnlich. Und ob das gelingt, darf durchaus bezweifelt werden. Geschmackssache bleibt vor allem die Volte, Richard Strauss’ «Vier letzte Lieder» zu spreizen und das entstehende Vakuum mit Liedern Duparcs und Rachmaninows (sowie Strauss’ «Malven») zu füllen, zumal Elsa Dreisig uns die dramaturgische Unumgänglichkeit dieses Konzepts schuldig bleibt. Außerdem scheint sie eher ihrem vokalen Charme als tieferem Sinn Raum zu geben, was ja nichts Schlimmes sein muss. Doch fehlt es ihr – vor allem für Strauss – an Fülle und Farben, da gibt es noch deutlich Luft nach oben. Jonathan Ware begleitet überaus ...
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Opernwelt Juni 2020
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 34
von Gerhard Persché
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