Erniedrigte und Beleidigte
Un minuto … sii breve», eine Minute und keine Sekunde mehr gewährt der scharfe Sheriff seinem Liebeskontrahenten, dessen Ende längst beschlossen, das Grab tief genug geschaufelt ist. Und was macht Dick Johnson aus Sacramento, der eigentlich Ramerrez heißt und seinen Lebens -unterhalt für gewöhnlich damit verdient, andere Menschen auszurauben? Er stimmt, in der für solch heilige Zwecke schon bei Richard Wagner gern genutzten Tonart Ges-Dur, ein Gebet an, das schöner, inniger, leidenschaftlicher kaum sein könnte und (fast) alle Männer um ihn herum (be)rührt.
Und exakt so wünschte es sich auch sein Schöpfer – «con grande espressione, esaltandosi, col viso quasi sorridente», notierte Giacomo Puccini als «Haltung» über dem Andante molto lento «Ch’ella mi creda libero lontano», mit dem die Oper «La fanciulla del West» auf ein völlig unerwartetes lieto fine zusteuert.
Riccardo Massi nutzt an der Opéra de Lyon die sich ihm bietende Chance. Seine satt-saftige Tenorstimme schwingt sich zu einem wahrlich seelenvollen Sehnsuchts-Lamento empor, da bleibt kein Auge trocken. Und wenn Sekunden später auch noch Chiara Isotton als Minnie wie eine westerntaugliche Windsbraut auf die Szene saust, ...
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Opernwelt Mai 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Jürgen Otten
Frau Höckmayr, fangen wir mit einem ganz einfachen Thema an – mit der Macht. Was fällt Ihnen zu diesem Topos ein?
Macht ist davon abhängig, wie sie benutzt wird. Sie kann beschneiden, sie kann ermöglichen. Und: Wir müssen sehr präzise sein, bevor wir schimpfen. In der Politik, wie im Opernbetrieb, sind die Details zu komplex, um zu verallgemeinern. Mein Blick auf...
Marc-Antoine Charpentier, der große Konkurrent Jean-Baptiste Lullys und bedeutendste Kirchenkomponist des französischen Barock, ist hierzulande nach wie vor ein Geheimtipp. Lullys Alleinherrschaft über die Pariser Académie royale de musique verwehrte ihm die Opernbühne und überließ ihm nur den Nebenschauplatz der Bühnenmusik zu Molières Theaterstücken. Sein...
Die Prager Staatsoper ist ein Prunkstück des berühmten Wiener Architekturbüros Fellner & Helmer. Als Neues Deutsches Theater wurde das Haus 1888 eingeweiht, zur Eröffnung spielte man Richard Wagners «Meistersinger von Nürnberg». Angelo Neumann, der erste Direktor, zählt aufgrund seiner spektakulären Europatournee mit dem «Ring des Nibelungen» zu den zentralen...
