Erniedrigte und Beleidigte
Un minuto … sii breve», eine Minute und keine Sekunde mehr gewährt der scharfe Sheriff seinem Liebeskontrahenten, dessen Ende längst beschlossen, das Grab tief genug geschaufelt ist. Und was macht Dick Johnson aus Sacramento, der eigentlich Ramerrez heißt und seinen Lebens -unterhalt für gewöhnlich damit verdient, andere Menschen auszurauben? Er stimmt, in der für solch heilige Zwecke schon bei Richard Wagner gern genutzten Tonart Ges-Dur, ein Gebet an, das schöner, inniger, leidenschaftlicher kaum sein könnte und (fast) alle Männer um ihn herum (be)rührt.
Und exakt so wünschte es sich auch sein Schöpfer – «con grande espressione, esaltandosi, col viso quasi sorridente», notierte Giacomo Puccini als «Haltung» über dem Andante molto lento «Ch’ella mi creda libero lontano», mit dem die Oper «La fanciulla del West» auf ein völlig unerwartetes lieto fine zusteuert.
Riccardo Massi nutzt an der Opéra de Lyon die sich ihm bietende Chance. Seine satt-saftige Tenorstimme schwingt sich zu einem wahrlich seelenvollen Sehnsuchts-Lamento empor, da bleibt kein Auge trocken. Und wenn Sekunden später auch noch Chiara Isotton als Minnie wie eine westerntaugliche Windsbraut auf die Szene saust, ...
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Opernwelt Mai 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Jürgen Otten
Den Manrico hat er schon vor zwei Jahren in Barcelona riskiert, den Canio gerade in Hamburg, der Cavaradossi ist seit Jahren eine Signetpartie. Vittorio Grigolo geht den Weg (fast) aller italienische Tenöre, denen das Lyrische – aus welchen Gründen auch immer – nicht genug ist. Dass seine klingende Visitenkarte «Verissimo» heißt und vielleicht falsche Erwartungen...
JUBILARE
Heinz Holliger studierte bereits während seiner Gymnasialschulzeit am Berner Konservatorium Oboe bei Émile Cassagnaud und Komposition bei Sándor Veress, als Vierzehnjähriger schrieb er erste eigene Stücke. Ab 1958 setzte er sein Studium des Klaviers und der Oboe in Paris fort, gefolgt von einem Kompositionsstudium bei Pierre Boulez an der Musikakademie in...
Der «Lear» machte ihn 1978 schnell berühmt. Nicht nur durch die Uraufführung an der Bayerischen Staatsoper: Es waren kleinere Häuser wie Düsseldorf, Nürnberg und Oldenburg, in denen diese Oper sofort fesselte. Nahezu haptisch greifbare Cluster, Akkordwände, die scharf kontrastieren zu äußerster melodischer Verdichtung, Einsamkeit, Innigkeit: Aribert Reimann schrieb...
