Erniedrigte und Beleidigte
Un minuto … sii breve», eine Minute und keine Sekunde mehr gewährt der scharfe Sheriff seinem Liebeskontrahenten, dessen Ende längst beschlossen, das Grab tief genug geschaufelt ist. Und was macht Dick Johnson aus Sacramento, der eigentlich Ramerrez heißt und seinen Lebens -unterhalt für gewöhnlich damit verdient, andere Menschen auszurauben? Er stimmt, in der für solch heilige Zwecke schon bei Richard Wagner gern genutzten Tonart Ges-Dur, ein Gebet an, das schöner, inniger, leidenschaftlicher kaum sein könnte und (fast) alle Männer um ihn herum (be)rührt.
Und exakt so wünschte es sich auch sein Schöpfer – «con grande espressione, esaltandosi, col viso quasi sorridente», notierte Giacomo Puccini als «Haltung» über dem Andante molto lento «Ch’ella mi creda libero lontano», mit dem die Oper «La fanciulla del West» auf ein völlig unerwartetes lieto fine zusteuert.
Riccardo Massi nutzt an der Opéra de Lyon die sich ihm bietende Chance. Seine satt-saftige Tenorstimme schwingt sich zu einem wahrlich seelenvollen Sehnsuchts-Lamento empor, da bleibt kein Auge trocken. Und wenn Sekunden später auch noch Chiara Isotton als Minnie wie eine westerntaugliche Windsbraut auf die Szene saust, ...
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Opernwelt Mai 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Jürgen Otten
Woher kommt das Essen? Aus dem Kühlschrank. Für den wohlstandsverwöhnten Westeuropäer stimmt das in den meisten Fällen. Doch auch, wenn jeder weiß, was hinter dieser Verfügbarkeit steckt, löst schon das Wort «Nahrungsmittelketten» bei vielen Bewohnern der «schönen, neuen» Welt ein latent schlechtes Gewissen aus. Denn die Verfügbarkeit hat einen Preis. Und der...
Was habe ich nur verbrochen, dass ich so viel leiden muss!» Dieser Stoßseufzer Smetanas, bei deutschen Theaterbesuchern längst ein geflügeltes Wort, ist in tschechischen Opernhäusern undenkbar. Prag, Olmütz und Brünn, Pilsen und Aussig inszenieren publikumsfreundlich, die Dramaturgie wird den Stücken gerecht, Bühne und Kostüme ergeben Sinn und bereiten sogar...
Unermüdlich wirkt der Geist, der forscht. 92 Jahre alt ist Alexander Kluge, einer der maßgeblichen Intellektuellen dieses Landes, im Februar geworden und nach wie vor mit einer Wachheit gesegnet, die sich viele jüngere (und wokere) Teilnehmer an gesellschaftspolitisch-künstlerischen Diskursen vermutlich wünschen würden. Jüngster Beleg ist ein gemeinsam mit Sonja...
