Entmystifiziert
Man sieht es und staunt: Der männliche Titelheld ist verdoppelt, also stirbt er auch zweimal. Während Tristan eins, singender (Privat-?)Patient einer Luxusklinik, exakt an der vom Komponisten bezeichneten Stelle ins Jenseits wandert, beobachtet sein Schauspiel-Double vom Rollstuhl aus dessen Sterben wie ebenfalls Isoldes Liebestod. Erst dann gibt auch der Doppelgänger seinen Geist auf – nachdem er die Geschichte einer zwanghaften Liebe und eines unschuldigen Verrats noch einmal hatte durchleben müssen.
Oder vielleicht doch nicht?
Regisseur Jean-Claude Berutti hält sich an der Opéra Royal de Wallonie, wo «Tristan und Isolde» seit fast einem Jahrhundert nicht mehr zu sehen war, die Option zumindest offen, dass die Imaginationen des Todkranken pure Hirngespinste sein könnten – Isolde kniet in Krankenschwesternuniform und mit einer Reiseapotheke (inklusive Liebes- und Todestrank) an Tristans Lager. Gut möglich also, dass der Siechende sich die Pflegefachkraft nach seinem Wunschbild zurechtphantasiert. Allerdings hat Berutti die Sache nicht ganz zu Ende gedacht. Statt des Oszillierens zwischen Bedeutungsebenen sehen wir in seiner Inszenierung lediglich eine Hängepartie. Immerhin ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt März 2025
Rubrik: Panorama, Seite 43
von Michael Kaminski
Vorn, am linken Bühnenrand, liegt, schlafend, das Tier. Ein Kojote. Der aber zum Glück kein echter Kojote ist – die wolfsähnlichen Steppenwölfe gelten als gefährlich. Dieser ist erstens nicht echt, sondern ein Mensch in Glitzerkleidung mit hochhackigen Schuhen und als Kojote maskiert (der Choreograph des Abends, Ivan Estegneev), er ist zweitens auch ein Freund der...
Zu den erstaunlichen Aspekten dieses in vielfacher Hinsicht erstaunlichen Stücks gehört, dass es von einem jungen Mann geschrieben wurde. «Guercœur» mutet in vielem an wie ein opus summum. Albéric Magnard war aber Mitte Dreißig, als er daran arbeitete. Eine Tragédie en musique nennt er sein zwischen 1897 und 1900 entstandenes Werk, knüpft damit ans barocke...
Dass die in Moskau ansässige «Nowaja Opera» mit Samuel Barbers «Vanessa» ein Werk aus einem, laut offizieller Einschätzung «unfreundlichen Land» auf ihren Spielplan setzt, ohne sich für dessen offenkundig boulevardesken Charakter zu schämen, unterstreicht erneut die radikale Entschlossenheit der Direk -tion zu einem «unkonventionellen Verhalten». Sämtliche Bühnen...
