Entdeckerlust
Der Mann hatte viel um die Ohren. Sechsunddreißig Kinder im wirklichen Leben. Allerdings nur sechzehn auf der Bühne – «die unehelichen nicht eingerechnet», wie es heißt. Pali Rácz, der alte Zigeunerprimas – im wahrsten Wortsinne –, ist der Protagonist jener Operette, die Emmerich Kálmáns Durchbruch als Bühnenkomponist im Jahre 1912 bedeutete. Rácz, dessen künstlerischer Stern im Alter zu sinken und dessen Eitelkeit äquivalent dazu zuzunehmen scheint, verlangt, dass alle nach seiner Pfeife tanzen.
Das gilt auch – und erst recht – für seinen Sohn Laczi, der im Gegensatz zu seinem ausschließlich autodidaktischen Vater eine akademische Ausbildung hinter sich hat. Schließlich kommt es zum musikalischen Duell, bei dem der Filius den besserwisserischen Papa besiegt. Das Publikum wendet sich vom Alten ab und Laczi zu.
Die Dialoge sind für diese Produktion gestrichen und durch eine Prosafassung ersetzt worden, die Sunnyi Melles mit sinnlicher, theaternaher Glaubwürdigkeit vorträgt. Wahrscheinlich ist es ihrem ungarischen Vater zu verdanken, dass sie das landessprachliche Vokabular so mühelos beherrscht. Claus-Peter Flor leitet ein farbenreiches, selbstbewusstes Münchner ...
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Dass Sergej Rachmaninows Puschkin-Adaption «The Miserly Knight» («Der geizige Ritter») im Repertoirebetrieb nie eine feste Größe wurde, dürfte kaum auf die musikalische Faktur des 1906 am Moskauer Bolschoi Theater uraufgeführten Einakters zurückzuführen sein. Denn zweifellos trägt diese – nach «Aleko» (1892) und zeitgleich mit «Francesca da Rimini» vollendete –...
Eigentlich hätte es umgekehrt sein müssen: Rigoletto ist der Affe, der, dem Protagonisten in Kafkas «Bericht für eine Akademie» ähnlich, einem Herzog von Mantua und seinen Hofschranzen den Spiegel vorhält, der zugleich kritischer Geist und Teil des Systems, Opfer und Täter ist. Doch Doris Dörrie wollte für das angeblich neu zu gewinnende Zielpublikum der Zwanzig-...
Die permanente Androhung von Missbrauch, Vergewaltigung und Mord kann Menschen mürbe machen. Auch Cleopatra ist am Ende von Händels «Giulio Cesare» schier wahnsinnig geworden vor Todesangst und kann ihre letzte Arie nur scheinbar fröhlich trällern – wie ein Kind, das es schaudert, in den Keller zu gehen. Diese Cleopatra zittert am ganzen Leib, will sich nicht...
