Endlich frei
Mariettas Kleid in sonnig strahlendem Orange (bunte, auch romantisch blaue Blumen sind darauf gedruckt) erzählt ausdrücklich von der hellen Seite des Lebens. Und doch gleicht es aufs Haar dem Gewand einer Toten: ihrer «Vorgängerin», Pauls verstorbener Frau Marie, die (in Gestalt der jungen Tänzerin Natalie Kien) in jenem betongrau gruftig-düsteren Verlies haust, das so sehr der Keller des Besitzers wie dessen Seelenraum zu sein scheint.
Ausstatter Oliver Helf hat Mariettas Abstieg ins «untere Stockwerk» streng tiefenpsychologisch gelesen; dieser führt in die seelischen Abgründe des Protagonisten Paul, der sich in die lebenslustige-kokette Künstlerin zumal, verguckt hat und damit doch nur allzu menschliche Projektion betreibt: Die potenzielle Neue an seiner Seite soll tunlichst der Verblichenen gleichen. Sogleich legt er Marietta (Sara Gartland mit drahtig hellem Sopran) Maries weißen Schal um die Schultern, was die sich auch gefallen lässt, noch nicht ahnend, auf welche Erlösungsmission sie sich im Falle des Herrn einlassen wird. Denn dieser Paul (Vincent Wolfsteiner meistert die heldentenoral heikle Partie bewundernswert furchtlos) bewahrt Bildnis und Locken seiner Marie wie ...
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Opernwelt Januar 2024
Rubrik: Panorama, Seite 47
von Peter Krause
Alte und neue Musik begegnen sich im Konzertsaal selten. Zu verschieden sind die interpretatorischen, gar instrumentalen Voraussetzungen, die einem solchen Brückenschlag im Weg stehen. Umso spannender, wenn es doch geschieht, wie jetzt auf zwei CD-Neuerscheinungen, die extremer, kontroverser nicht sein könnten. Beide Male sind es «Überzeugungstäter», die den Spagat...
Der Auftrag kam von höchster Stelle. Kein Geringerer als Louis XIV persönlich wünschte sich von seinem surintendant de la musique du Roy für die Karnevalsfeierlichkeiten des Jahres 1675, zu denen er europäische Politprominenz an den Königshof im Schloss Saint-Germain-en-Laye einzuladen gedachte, ein dem Anlass würdiges Bühnenwerk. Und Jean-Baptiste Lully, wissend,...
Über Wolfgang Rihm zu schreiben – das haben die meisten der Publikationen, die sich darin versuchten, eindrücklich bewiesen –, ist beinahe ein Ding der Unmöglichkeit. Einmal des gewaltigen Œuvres wegen, das einer der bedeutendsten Komponisten der Gegenwart vorgelegt hat (rund 600 Werke umfasst die Liste), aber mehr noch, weil sich Rihm selbst in seinen Schriften...
