Endlich frei
Mariettas Kleid in sonnig strahlendem Orange (bunte, auch romantisch blaue Blumen sind darauf gedruckt) erzählt ausdrücklich von der hellen Seite des Lebens. Und doch gleicht es aufs Haar dem Gewand einer Toten: ihrer «Vorgängerin», Pauls verstorbener Frau Marie, die (in Gestalt der jungen Tänzerin Natalie Kien) in jenem betongrau gruftig-düsteren Verlies haust, das so sehr der Keller des Besitzers wie dessen Seelenraum zu sein scheint.
Ausstatter Oliver Helf hat Mariettas Abstieg ins «untere Stockwerk» streng tiefenpsychologisch gelesen; dieser führt in die seelischen Abgründe des Protagonisten Paul, der sich in die lebenslustige-kokette Künstlerin zumal, verguckt hat und damit doch nur allzu menschliche Projektion betreibt: Die potenzielle Neue an seiner Seite soll tunlichst der Verblichenen gleichen. Sogleich legt er Marietta (Sara Gartland mit drahtig hellem Sopran) Maries weißen Schal um die Schultern, was die sich auch gefallen lässt, noch nicht ahnend, auf welche Erlösungsmission sie sich im Falle des Herrn einlassen wird. Denn dieser Paul (Vincent Wolfsteiner meistert die heldentenoral heikle Partie bewundernswert furchtlos) bewahrt Bildnis und Locken seiner Marie wie ...
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Opernwelt Januar 2024
Rubrik: Panorama, Seite 47
von Peter Krause
Sie tun es alle irgendwann, und meistens mehrfach im Jahr. Am häufigsten vielleicht Frank-Walter Steinmeier und Olaf Scholz sowie die Fußballerinnen und Fußballer mit dem deutschen Adler auf der Brust. Und nicht nur sie; fast jeder Deutsche hat sich irgendwann mal an Haydns bekanntester Melodie versucht, der früheren Kaiserhymne und dem späteren Deutschlandlied....
Medea tanzt. Doch nicht im walzerseligen Dreiertakt schwebt die Zauberin über die Bühne. In ihrem heftigen Zucken wohnt der pure Zorn. Aber auch ein bisschen Traurigkeit und Verzweiflung. Denn diese Medea weiß sich (noch) keinen Rat, wie sie da durchs maschendrahtumhüllte Gehege fegt im güldenen Gewand (ist es womöglich mit dem Stoff jenes Goldenen Vlieses...
Das also ist des Pudels Kern! Kein kapriziöser Kobold, kein Sartyr und auch kein Zauberer – ein General im sandfarbenen Militäranzug tritt vor den Gelehrten Faust hin, haust gar im gleichen Haus, eine Etage tiefer (Ausstattung: Camilla Bjørnvad), im düsteren Satanszimmer. Während der (vermeintliche) Titelheld noch chemische Formeln an jene Tafel schreibt, die auch...
