Empfundene, Erlittenes, Erträumtes
Zweimal wird die Schiebetür im Hintergrund geöffnet. Die Aussicht: ganz famos. Ein Wald-Wiesen-Idyll – nur dass ein Absperrklebeband das Panorama teilt und Stacheldraht die Aussicht stört. Davor steht ein riesiger Metallstuhl. Der kann beklettert und umgekippt werden, ist Thron, Zimmerecke oder auch mal eine Art Gefängnis. Ganz reduzierte szenische Zeichen sind das, mehr ginge auch nicht im kleinen Theater am Haidplatz.
Und sie sind sehr angemessen für die Vorlage, die hier zu einer Oper wurde: Reiner Kunzes Buch «Die wunderbaren Jahre» versammelt Schlaglichter des ostdeutschen Sozialismus: Erzählungen, Berichte, Selbsterlebtes vor allem aus Kinder- und Jugendjahren, knapp und lakonisch aufgeschrieben, Absurditäten des Alltags (die Nickelbrille als «imperialistischer Modeeinfluss») bis hin zum Schießbefehl und zur Erhängung mit der eigenen Unterhose im Gefängnis. Ein Destillat der DDR, kommentarlos – und vielleicht deshalb umso gefährlicher für die Führung, die Mitte der 1970er-Jahre eine Revolutionsschrift witterte.
Torsten Rasch, 1965 in Dresden geboren, Kruzianer, auch Filmmusiker, seit 2008 zudem Opernkomponist («Rotter»), dürfte seine eigenen Erfahrungen mit der Welt hinter ...
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Opernwelt April 2025
Rubrik: Panorama, Seite 41
von Markus Thiel
Zu den ambitioniertesten Aufnahmeprojekten der jüngeren Zeit gehört die Gesamteinspielung all jener Werke Antonio Vivaldis, deren Handschriften vor gut hundert Jahren in den Besitz der Biblioteca Nazionale Universitaria in Turin gelangten: Es sind nicht weniger als rund 90 Prozent aller bekannten Autographen des Komponisten. Neben fast 300 Konzerten und zahlreichen...
Eines kann man dem Duo Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka gewiss kaum vorwerfen: dass sie ihr Konzept nicht beinhart durchziehen würden. Auch der dritte Teil ihres «Rings» verlegt das Bühnenwerk komplett in jenes mehrgeschossige Labor, in dem blonde oder blondierte Götter, Nachtalben, Menschen und Klone seit vielen Opernstunden an Fortpflanzungsgeschichten...
Eine todbringende Gesellschaft ist das, aber lustig anzusehen. Besondere Erheiterung schaffen jene beiden Pferde, welche die Omnibus-Kutsche, eine Vorform des öffentlichen Verkehrs, auf die Bühne ziehen. Die Pferde – nun, es sind keine Pferde, sondern Theatertiere, gespielt von Statisten, die ihre Wartezeiten in eher gekrümmter Körperhaltung und mit gewiss nicht...
