Eisige Utopie
Aktueller kann Oper kaum sein: Gerade hat Norddeutschland eine der längsten Trockenperioden seit Beginn der Wetteraufzeichnungen erlebt, da führt Jörn Arneckes Musikdrama «Kryos» dem Publikum die erschreckenden Folgen einer Klimakatastrophe vor Augen – in einer Science-Fiction-Utopie mit Tiefgang und doppeltem Boden. Im 23.
Jahrhundert, nachdem ein Großteil der Menschheit in einer apokalyptischen Überschwemmung zugrunde gegangen ist, haben sich in Hannah Dübgens Libretto einige wenige Davongekommene auf dem eisigen Berg Kryos, der am Pol aus dem Wasser ragt, zu einer Gemeinschaft zusammengeschlossen. Positiv gestimmte, ewig lächelnde Wesen, die unter der Devise «Stabilität und Harmonie» eine neue, von totalitären Strukturen bestimmte Art des Zusammenlebens erproben.
Alles scheint bestens zu funktionieren, bis auf einmal ein Fremder, «wie aufgetaut aus einer anderen Zeit», an den Strand gespült wird und durch sein Auftreten, seine Art zu kommunizieren (er spricht, während alle anderen singen) die Ordnung auf Kryos gründlich durcheinander bringt. Er stellt unbequeme Fragen, hört bedrohliche Geräusche, die den übrigen verborgen bleiben. Steht die Welt vor einer erneuten Katastrophe?
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Opernwelt Juli 2011
Rubrik: Panorama, Seite 42
von Gerhart Asche
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