Eineinhalb Sternstunden
Gegensätzlichere musikalische Welten sind kaum zu denken – hier die klassische Barockoper, dort das alle klanglichen Gesetzmäßigkeiten sprengende expressionistische Monodram. Und doch ist es der Bremer Aufführung gelungen, beide Werke zu einem Abend von eindringlichster Wirkung zusammenzuschweißen. Der Vorteil: Purcells «Dido and Aeneas» und Schönbergs «Erwartung» haben eines gemeinsam: Bei beiden steht der emotionale, hochexpressive Vokalstil, das affektgeladene Singen, im Mittelpunkt.
Und das hat die junge Regisseurin Kristina Franz erkannt und beachtet, indem sie nicht, wie das wohl unlängst in München geschah, beide Werke mit schwer entschlüsselbaren Regie-Ideen zuschüttet, sondern ganz nah an deren Kern bleibt.
Zunächst Purcells 1689 für ein Pensionat von jungen Edeldamen geschriebene Version der von Vergil überlieferten, tragisch endenden Liebesaffäre zwischen der karthagischen Königin Dido und dem trojanischen Prinzen Aeneas – eine Kurzoper, die sich ohne äußerliche Schnörkel ganz auf das seelische Geschehen der Hauptpersonen konzentriert. Und so wird sie von Kristina Franz auch inszeniert: Auf einer schlichten quadratischen Spielfläche zwischen zwei aufsteigenden Publikumstribünen agieren die Sängerinnen und Sänger, gekleidet in phantasievolle, zwischen Barock und Gegenwart changierenden Kostüme, auf eine artifizielle, choreographisch der Musik angepasste Weise, die Distanz signalisiert, bisweilen aber auch – in den Liebesszenen – emotionale Ausbrüche zulässt. Barockoper eben, deren große Gefühle dem Zuschauer zumeist in stilisierten Posen mitgeteilt werden.
Nah am Stück ist auch die musikalische Umsetzung. In Kooperation mit der Hochschule für Künste Bremen spielt ein kammermusikalisch besetztes Instrumentalensemble auf historischen Instrumenten; die Chorpassagen werden von vier der Sänger aus dem Ensemble übernommen. Ulrike Mayer singt mit ihrem dunklen Mezzo eine von Trauer überschattete Dido, die in ihrem Schluss-Lamento «When I am laid in earth» zu bewegend schönem Ausdruck findet. Daneben unter anderem Ian Spinetti als charaktervoll intonierender Aeneas und Carmen Callejas mit klarem, nahezu vibratolosem Sopran als Belinda, mit deren Darstellung als Intrigantin, die mit den Hexen paktiert, die Regisseurin noch einen kleinen besonderen Akzent zu setzen versteht.
Dann, ohne Unterbrechung, erfolgt der Sprung über 220 Jahre in Schönbergs 1909 in einem Schaffensrausch entstandenes Monodram, eines der frühen Zeugnisse einer Musik ohne Tonartbindung. Der Monolog einer von ihrem Geliebten Verlassenen, die ihn sucht, dann tot auffindet – vielleicht sogar (so jedenfalls sieht es der amerikanische Musikwissenschaftler Robert Craft) von ihr selbst ermordet. Einer Frau, die ihre Gefühle nicht mehr unter Kontrolle hat, sie herausschreit, herausweint, herausstammelt in einer Art (so Adorno) «traumatischem Schock».
Und hier schlägt die große Stunde von Nadine Lehner. Die Art, wie sie sängerisch die nahezu zweieinhalb Oktaven der Partie meistert, wie sie die Verzweiflung dieser Frau, ihr Suchen, ihre Fassungslosigkeit darstellt, nein: lebt, ist umwerfend. Sie reiht sich damit unter die wenigen ganz großen Interpretinnen dieser Extrempartie, die es seit der Uraufführung 1924 gegeben hat. Eine Sternhalbestunde des Musiktheaters, deren Wert nicht dadurch gemindert wird, dass man im Kleinen Haus des Theaters Bremen natürlich nicht die monumentale Orchesterfassung des Werks spielen kann; die Pianistinnen Yu Sugimoto und Joanna Laszczkowska aus dem Klavierauszug begleiten, klar und durchsichtig. Am Schluss frenetischer Applaus, nicht zuletzt für die beiden überragenden Interpretinnen des barocken wie modernen Affekt-Gesangs.
Premiere: 1. April 2026
Musikalische Leitung: Yu Sugimoto
Inszenierung: Kristina Franz
Bühne: Theresa Isabella Malessa
Kostüme: Julia Radewald
Licht: Daniel Thaden
Solisten: Ulrike Mayer (Dido), Ian Spinetti (Aeneas), Carmen Callejas (Belinda/ Witch), Ida Grotke (Second Woman/Witch), Anastasia Lakka-Boni (Sorceress), Alexander Schmidt (Sailor), Hwanyeong Jeong (Spirit), Nadine Lehner (Eine Frau)
www.theaterbremen.de
Opernwelt Mai 2026
Rubrik: Panorama, Seite 56
von Gerhart Asche
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