Virtuosissima cantatrice
An Selbstbewusstsein scheint es Barbara Strozzi, der wohl bedeutendsten Komponistin des italienischen Frühbarock, nicht gefehlt zu haben. Denn gleich ihr erstes, 1644 im Druck erschienenes Madrigalbuch eröffnet sie mit einem Sonett in der Hoffnung, «vielleicht als neue Sappho begrüßt zu werden».
Als «virtuosissima cantatrice» (so Nicolò Fontei schon 1635 in einer gedruckten Widmung), die allerdings nie öffentlich, sondern nur im privaten Raum auftrat, war sie die Muse eines Zirkels freigeistiger Intellektueller, den Giulio Strozzi 1637 in Venedig für seine zwar nominell nur adoptierte, wohl aber doch leibliche Tochter ins Leben rief. Strozzi, der als Dichter und Librettist zu den Gründerfiguren der venezianischen Oper gehört, ermöglichte ihr im Umfeld des Markusdom-Kapellmeisters Monteverdi bei Francesco Cavalli eine glänzende Ausbildung im Stil der nuove musiche, der «neuen» Musik der seconda prattica, die nicht mehr dem kunstvoll polyphonen Satz, sondern dem emotionalen Affektausdruck und der wortausdeutenden Textvertonung huldigte.
Insgesamt acht Drucke hat Barbara Strozzi bis 1664 veröffentlicht – überwiegend einstimmige, meist nur vom Continuo-Bass begleitete Lieder. Es ist große, originelle Musik, die keinen Gender-Bonus benötigt – «ein umfangreiches, von persönlicher Schreibart ebenso wie von hoher kompositorischer Qualität geprägtes Werk», wie Joachim Steinheuer urteilt. Zwei neue CD-Einspielungen nähern sich ihm auf durchaus unterschiedliche Weise. «A Portrait in Five Acts» kündigen Dorothee Mields und Hana Blažiková an, die farbig, aber etwas zu üppig besetzt vom Hathor Consort der Gambistin Romina Lischke begleitet werden. Die Auswahl von 19 Liedern demonstriert, dass Strozzi in ihren oft wohl selbstverfassten Texten durchaus, und dies mit geradezu provokanter Ironie, in einer Art fiktionaler Selbstbetrachtung die sozialen Bedingungen reflektiert, denen sie als Frau wie Musikerin in der venezianischen Gesellschaft ausgesetzt war.
Da begegnen wir der ganzen Bandbreite der Emotionen, die noch in der poetisch überhöhten Diktion anspielungsreich die Erfahrungen der Wirklichkeit durchblicken lassen – vom freizügig erlebten Liebesglück bis zur herben, mal tragischen, dann wieder grotesken Liebesklage, wenn der Liebhaber statt der ersehnten Frau nur ihren Türklopfer zu küssen bekommt. Im kontrastvollen Wechsel von Rhythmus und Tempo, melodiösem Arioso und kraftvoller Deklamatorik, affektiver und wortausdeutender Textvertonung beweist Strozzi eine Meisterschaft, die auch in der raffinierten Formbeherrschung nicht hinter dem großen Vorbild Monteverdi zurücksteht. Schnelle Läufe, chromatische Melismen, elaborierte Verzierungen und eine agile Beweglichkeit lassen ahnen, welch eine vorzügliche Sängerin sie gewesen sein muss. Dorothee Mields’ und Hana Blažikovás unterschiedlich timbrierte, aber glänzend einander ergänzende und miteinander harmonierende Stimmen werden Strozzis vokaler Kammermusik in hohem Maße gerecht. Nur in der Wortdeklamation bleiben Wünsche offen.
Hier werden sie in der von der Accademia dell’Annunciata unter Riccardo Donis Leitung idiomatischer und mannigfaltiger, weil akzentuierter und detailreicher singenden Sopranistin Laura Catrani übertroffen. Überdies verschweigen Titel wie Booklet, dass Duette in Strozzis Œuvre die Ausnahme und solistische Strophenlieder sowie die formal freieren, an die Oper erinnernden Monologe eher die Regel sind. Vor allem die beiden eindrucksvollen Lamenti und die Kantate «Che si può fare» in Catranis Einspielung sind Glanz- und Höhepunkte von Barbara Strozzis großartiger Kunst, die den bisher unerfüllten Wunsch nach einer Gesamtaufnahme aller ihrer 125 überlieferten Lieder wecken.
STROZZI: A PORTRAIT IN FIVE ACTS
Dorothee Mields & Hana Blažiková (Sopran); Hathor Consort, Romina Lischka
cpo 555 510-2 (CD); AD: 2021
STROZZI: VIRTUOSISSIMA SIRENA
Laura Catrani (Sopran); Accademia dell’Annunciata, Riccardo Doni
Arcana A 589 (CD); AD: 2024
Opernwelt Mai 2026
Rubrik: Medien, Seite 42
von Uwe Schweikert
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