Ein Stück Utopie
Die Zahl macht heute noch fassungslos. Acht Millionen Menschen kamen im Dreißigjährigen Krieg zu Tode, von jenen 12 Millionen, die das Heilige Römische Reich Deutscher Nation zuvor beheimatete. Für die Zeitgenossen schien die Apokalypse angebrochen zu sein, als eine enthemmte Soldateska auf Jahrzehnte hin entvölkerte Landstriche hinterließ, Hunger und Seuchen ihr Übriges taten. In Gestalt von Hans Christoffel von Grimmelshausens «Simplicissimus» zeugt ein Stück Weltliteratur von dieser Zeit.
300 Jahre später, der Nazi-Terror hat in Deutschland längst Einzug gehalten, nimmt sich Karl Amadeus Hartmann den Schelmenroman zur Vorlage für eine Kammeroper. Als entartet gebrandmarkter Künstler steht Hartmann vor der Entscheidung: gänzlich verstummen in der inneren Emigration – oder für die Schublade komponieren, ohne Aussicht auf Aufführungen. Er entscheidet sich für Letzteres. In Hartmanns Opus «Des Simplicius Simplicissimus Jugend – Bilder einer Entwicklung aus dem deutschen Schicksal» lässt er seinen Protagonisten von einer für seine Umgebung, nur für ihn selbst nicht tödlich endenden Situation in die nächste stolpern. Der Dreißigjährige Krieg dient als Folie, vor der Hartmann die ...
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Opernwelt August 2023
Rubrik: Panorama, Seite 47
von Werner Kopfmüller
In ihrem neuesten Soloalbum spürt die italienische Mezzosopranistin Anna Bonitatibus einer Gattung nach, die mit dem Ende des Barockzeitalters ausstarb – der weltlichen Solo-Kantate. Ihren Höhepunkt besaß diese um die Wende des 17. zum 18. Jahrhundert in Italien und Frankreich. Mit Stoffen vornehmlich aus dem Bereich der Bukolik, aber auch der antiken Mythologie,...
Es war ein Jahr voller Krisen, dieses 1923: Hyperinflation, die Besetzung des Ruhrgebiets durch französische und belgische Truppen, der dadurch angestachelte Nationalsozialismus (mit bekannten, schlimmsten Folgen wenige Jahre später). In seinem Buch wirft der 1975 geborene Tobias Bleek ein besonderes, intensives, immersives, informatives Dauerschlaglicht auf die...
Wer in diesem Sommer am Weimarer Theaterplatz vorbeischlendert, wird im Rücken der Herren Goethe und Schiller eines bemerkenswerten Spruchbands ansichtig. Am Balkongeländer des Deutschen Nationaltheaters steht da zu lesen: «Diplomatie! FRIEDEN! Jetzt!» Das Transparent hängt dort seit jenen Tagen, da Wladimir Putin seinen verbrecherischen Angriffskrieg auf die...
