Ein Stoff unserer Zeit
Vor 70 Jahren wurden Francis Poulencs «Dialogues des Carmélites» an der Mailänder Scala uraufgeführt. Zwei Tage vor dem Jubiläumsdatum hatte Andrea Schwalbachs Inszenierung des Dreiakters nun in Karlsruhe Premiere. Die «Karmelitinnen» sind im Kernrepertoire angekommen. Dafür sprechen die Neuproduktionen dieser Saison in Rouen, Saar -brücken, Marseille, Stuttgart, Prag und die Wiederaufnahme von Jetske Mijnssens Zürcher Inszenierung in Dresden. Ein Stoff für Regisseurinnen, eine Frauen-Oper.
Die Kerle der Schöpfung dominieren das Theater ja ohnehin über Gebühr (Brittens «Billy Budd», Janáčeks «Aus einem Totenhaus», Donizettis «Lucrecia Borgia»!).
Der Stoff passt gut in unsere Zeit, obwohl das Sujet historisch präzise verortet ist. Auch wenn MAGA, Trump, AfD und einige andere Soziopathen uns anderes einreden wollen: Gegen eine geschlechtergerechte Welt und gegen Heroismus ist nichts einzuwenden, erst recht nichts gegen Werte wie Toleranz, Freiheit und Gleichheit – weswegen an der rostbraunen Außenwand von Anne Neusers Bühnenbild fragmentiert die Parole «Égalité» als Bas-Relief platziert ist. Vielleicht deshalb geht uns Poulencs Meisterwerk derart an. Es berührt zentrale Fragen. Dazu ...
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Opernwelt März 2026
Rubrik: Panorama, Seite 58
von Götz Thieme
Es sind glockenhelle, luzide Töne, die Jana Baumeister bei ihrem Rollendebüt als Mélisande in den Bühnenhimmel schickt, mit lyrischer Leuchtkraft und makellos reinem Timbre. Doch bei aller Transparenz – ins Seeleninnerste der Figur lässt dieser irisierend schöne Gesang ganz bewusst nicht blicken. Was Mélisande denkt und fühlt, bleibt im Dunkeln, wie ein gut...
Die Sonne über Mailand, sie leuchtete an diesem milden Apriltag des Jahres 2011. Doch nur außerhalb des Teatro alla Scala. Drinnen war es düster. Und das nicht nur, weil der Stoff, der dort verhandelt wurde, dieses Attribut in sich trug – Heiner Müllers von toxischen Energien durchfurchtes Theaterstück «Quartett» spielt sowohl vor der Französischen Revolution als...
Im Fernsehzimmer des päpstlichen Schatzmeisters Giacomo Balducci laufen KI-generierte Videos. Und auch die Idee für manche neonlichtdurchflutete Karnevalsszene ist nicht (nur) menschengemacht. Das Regieteam um Thaddeus Strassberger war so offen, einige als Inspiration dienende KI-Bilder mit ins dicke Programmbuch drucken zu lassen. Abgebildet ist eine bizarre,...
